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Terpene und weitere Cannabinoide: Was die Forschung über CBG, CBN, THCV und CBC weiß
Cannabis besteht aus weit mehr als THC und CBD. Um die übrigen Inhaltsstoffe ranken sich viele Versprechen, die Forschung dazu steht aber in weiten Teilen noch am Anfang.
Welche Inhaltsstoffe hat Cannabis außer THC und CBD?
Neben THC und CBD bildet die Pflanze mehr als 150 weitere Cannabinoide, sogenannte Nebencannabinoide. Sie sind deutlich weniger erforscht. Die Forscher Jürg Gertsch und Jörg Huwyler aus Bern beschreiben sie als pharmakologisch vielversprechend, aber noch kaum untersucht.1
Wie viel von welchem Stoff eine Pflanze enthält, unterscheidet sich von Sorte zu Sorte stark. Fachleute sprechen deshalb von Chemovaren und ordnen sie vor allem nach dem Cannabinoidprofil der weiblichen Blüte.1 Dazu kommen Terpene, die für den typischen Geruch verantwortlich sind. Die Grundlagen zu den beiden Hauptwirkstoffen stehen im Beitrag THC und CBD.
Was ist über CBG, CBN, THCV und CBC bekannt?
Was über diese vier Stoffe bekannt ist, stammt größtenteils aus dem Labor und aus Tierversuchen. Eine systematische Übersicht im British Journal of Pharmacology wertete 2020 aus 2.341 Treffern 31 Arbeiten zu möglichen Schutzwirkungen auf Nervenzellen aus. Alle Befunde, die das Abstract nennt, stammen aus Tiermodellen, Studien am Menschen kommen dort nicht vor.2
Cannabigerol (CBG)
CBG greift unter anderem an Ionenkanälen vom Typ TRP und an bestimmten Rezeptoren für Adrenalin und Noradrenalin an. Möglicherweise wirkt es entzündungshemmend, schützend auf Nervenzellen und angstlösend, berauschend ist es nicht.3 In Tiermodellen für Chorea Huntington und Epilepsie zeigte es Wirkung.2
Cannabinol (CBN)
CBN entsteht, wenn THC oxidiert. Es bindet schwächer an CB1 als THC und wirkt leicht sedierend. In der Analytik dient es als Hinweis darauf, wie lange und wie Cannabis gelagert wurde.3 Dass CBN als Schlafmittel taugt, ist eine häufige Werbebehauptung, die durch die hier ausgewerteten Quellen nicht gestützt wird.
Tetrahydrocannabivarin (THCV)
THCV unterscheidet sich von THC nur durch eine kürzere Seitenkette, wirkt aber anders. In niedriger Konzentration blockiert es CB1, in hoher aktiviert es den Rezeptor teilweise. Diskutiert werden eine appetitzügelnde, blutzuckerstabilisierende und angstlösende Wirkung.3 In Tiermodellen für Krampfanfälle, Huntington und Parkinson war THCV vielversprechend.2
Cannabichromen (CBC)
CBC zeigte in denselben Tiermodellen ähnliche Hinweise wie THCV.2 Ein anderes Bild ergab eine Studie an Ratten von 2025. Junge Tiere, die drei Wochen lang CBC bekamen, hatten danach Gedächtnisstörungen und Schäden an Nervenzellen.4 Auch dieser Tierversuch lässt sich nicht direkt auf Menschen übertragen.
| Stoff | Berauschend | Stand der Forschung |
|---|---|---|
| CBG | nein | Labor und Tierversuche |
| CBN | schwach an CB1, leicht sedierend | Labor und Tierversuche |
| THCV | dosisabhängig | Labor und Tierversuche |
| CBC | nicht beschrieben | Tierversuche, teils widersprüchlich |
Als Lebensmittel sind diese Stoffe nicht erlaubt. Nach Angaben der Verbraucherzentrale gelten neben CBD auch CBDA, CBG, CBN und CBC in der EU als neuartige Lebensmittel, die eine Zulassung bräuchten.5
Was sind Terpene und wie wirken sie?
Terpene sind Duftstoffe, die viele Pflanzen bilden. Cannabis enthält überwiegend verbreitete Vertreter, darunter Limonen, Myrcen, Pinen, Linalool und Caryophyllen. Sie und ihre Oxidationsprodukte erzeugen den typischen Cannabisgeruch.6
Dass Terpene selbst an den Cannabinoidrezeptoren angreifen, ist widerlegt, jedenfalls für die häufigsten. Eine Arbeitsgruppe um Michelle Glass testete 2020 Myrcen, Alpha und Betapinen, Betacaryophyllen und Limonen an Zellen mit CB1 oder CB2, allein, gemischt und zusammen mit THC, CBD oder 2-AG. Die Terpene wirkten an keinem der beiden Rezeptoren und veränderten auch die Bindung von THC und CBD nicht. Einzige mögliche Ausnahme war eine schwache Wirkung von Betacaryophyllen an CB2.7
Daraus folgt nicht, dass Terpene wirkungslos sind. Eine systematische Übersicht von 2024 fand Hinweise auf einzelne Effekte, etwa eine entzündungshemmende Wirkung von Myrcen auf der Haut. In Kombination mit CBD brachte Myrcen aber keinen zusätzlichen Effekt. Die Autoren halten die Datenlage für explorativ.8
Gibt es den Entourageeffekt?
Belegt ist er nicht. Der Begriff stammt aus der Grundlagenforschung: 1998 beschrieben Forschende im European Journal of Pharmacology, dass körpereigene Fettsäureverbindungen, die selbst nicht an Cannabinoidrezeptoren binden, die Wirkung des Endocannabinoids 2-AG verstärken. Diesen Befund nannten sie Entourageeffekt.9 Mit Pflanzenextrakten hatte das zunächst nichts zu tun. Mehr zu 2-AG im Beitrag zum Endocannabinoidsystem.
Heute meint der Begriff meist die Annahme, die Begleitstoffe der Pflanze würden die Wirkung von THC und CBD verändern oder verstärken. In präklinischen Studien gab es teils deutliche Unterschiede zwischen Vollextrakten und isoliertem THC oder CBD. Die klinische Evidenz für einen relevanten Effekt beim Menschen ist nach Einschätzung von Gertsch und Huwyler aber begrenzt.6 Die Übersicht von 2024 hält es für unbewiesen, dass Terpene Cannabinoide synergistisch oder additiv verstärken, und fordert klinische Studien.8
Wenn ein Produkt mit dem Entourageeffekt beworben wird, ist das eine Hypothese, kein Wirkungsnachweis. Für die Therapie halten Gertsch und Huwyler standardisierte Extrakte und definierte Stoffkombinationen für einen möglichen Fortschritt gegenüber der Anwendung von Blüten, deren Zusammensetzung schwankt.6
Was ist HHC und warum ist es verboten?
Hexahydrocannabinol (HHC) ähnelt THC chemisch stark, ihm fehlt nur eine Doppelbindung. Hergestellt wird es nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vermutlich halbsynthetisch: CBD wird zunächst in THC umgewandelt und dieses dann mit Wasserstoff gesättigt.10
HHC wirkt berauschend. Eine seiner beiden Formen ähnelt in der Wirkung THC, ist aber wahrscheinlich etwas schwächer. Laut BfR können Fruchtgummis mit 25 Milligramm HHC pro Stück einen Rausch auslösen. Bei größeren Mengen sind schwere Vergiftungen möglich, Kinder sind durch versehentliches Essen besonders gefährdet. Fallberichte beschreiben Beschwerden von leicht bis schwer, darunter Psychosen, viele davon ohne Laborbestätigung. Zur akuten und dauerhaften Giftigkeit fehlen Studien weitgehend, einen gesundheitlichen Richtwert kann das BfR deshalb nicht ableiten.10
Rechtslage
Seit 21. Juni 2024 fällt HHC unter das Gesetz über neue psychoaktive Stoffe (NpSG). Herstellung, Handel, Inverkehrbringen, Erwerb und Besitz sind untersagt, das gilt auch für Zubereitungen.10 Die zugrunde liegende Verordnung nennt neben HHC ausdrücklich die Abkömmlinge HHC-AC, HHC-H und HHC-P. Erfasst ist eine ganze chemische Stoffgruppe, damit Hersteller nicht auf leicht abgewandelte Moleküle ausweichen können. Begründet wurde das mit der unklaren Zusammensetzung der Produkte, fehlender Qualitätskontrolle und Gefahren für die Gesundheit. Ziel war, den Handel zu stoppen, ohne Konsumierende zu kriminalisieren.11
Trotz des Verbots sind Produkte mit HHC nach Beobachtung des BfR weiter im Handel, auch als Erzeugnisse, die Lebensmitteln ähneln.10 Das NpSG wird regelmäßig um neue Stoffe ergänzt. Am 13. November 2025 hat der Bundestag eine weitere Änderung beschlossen, die vor allem Lachgas und Stoffe betrifft, die als Betäubungsmittel bei Straftaten missbraucht werden.12
Wie sollte man Angebote mit Nebencannabinoiden einordnen?
Für keinen der hier genannten Stoffe gibt es in Deutschland ein zugelassenes Arzneimittel. Aussagen über Wirkungen beim Menschen beruhen fast immer auf Übertragungen aus Zell und Tierversuchen. Bei halbsynthetischen Cannabinoiden kommt hinzu, dass Herkunft, Reinheit und Gehalt oft unbekannt sind.
Wer eine medizinische Behandlung sucht, findet sie bei zugelassenen Arzneimitteln und ärztlich verordneten Cannabisarzneimitteln aus der Apotheke. Wie das abläuft, beschreibt der Beitrag Cannabis auf Rezept.
Häufige Fragen
Macht CBG oder CBN high?
CBG wirkt nach heutigem Wissen nicht berauschend. CBN bindet schwächer an den Rezeptor CB1 als THC und wirkt leicht sedierend.
Ist der Entourageeffekt bewiesen?
Nein. Es gibt Unterschiede zwischen Vollextrakten und Reinstoffen in präklinischen Studien, die klinische Evidenz beim Menschen ist aber begrenzt. Eine systematische Übersicht von 2024 bewertet eine Verstärkung durch Terpene als unbewiesen.
Binden Terpene an Cannabinoidrezeptoren?
Für fünf häufige Terpene wurde das 2020 im Labor geprüft: Sie wirkten weder an CB1 noch an CB2. Nur bei Betacaryophyllen fand sich ein möglicher schwacher Effekt an CB2.
Ist HHC in Deutschland legal?
Nein. Seit 21. Juni 2024 sind Herstellung, Handel, Erwerb und Besitz von HHC nach dem Gesetz über neue psychoaktive Stoffe untersagt. Das gilt auch für Abkömmlinge wie HHC-P.
Warum warnt das BfR vor HHC?
HHC wirkt berauschend, bei größeren Mengen sind schwere Vergiftungen möglich, besonders bei Kindern. Zur Giftigkeit fehlen Studien weitgehend, deshalb lässt sich keine sichere Menge angeben.
Quellen
- Dem Entourage-Effekt auf der Spur (23. Oktober 2025), Pharmazeutische Zeitung
- A Systematic Review of Minor Phytocannabinoids with Promising Neuroprotective Potential, British Journal of Pharmacology (2020), University of Nottingham (Repositorium)
- Dem Entourage-Effekt auf der Spur, Seite 2 (23. Oktober 2025), Pharmazeutische Zeitung
- Investigative assessment of the neuro-modulatory potentials of cannabichromene, Comparative Clinical Pathology 34 (2025), Springer Nature
- CBD-Öl legal auf dem Markt? (Stand 30. März 2026), Verbraucherzentrale Bundesverband
- Dem Entourage-Effekt auf der Spur, Seite 3 (23. Oktober 2025), Pharmazeutische Zeitung
- Terpenoids From Cannabis Do Not Mediate an Entourage Effect by Acting at Cannabinoid Receptors, Frontiers in Pharmacology 11 (2020), Frontiers in Pharmacology
- The Entourage Effect in Cannabis Medicinal Products: A Comprehensive Review, Pharmaceuticals 17 (17. November 2024), International Association for the Study of Pain
- An entourage effect: inactive endogenous fatty acid glycerol esters enhance 2-arachidonoyl-glycerol cannabinoid activity, European Journal of Pharmacology 353 (17. Juli 1998), PubMed
- Psychoaktive Wirkungen durch den Konsum von Hexahydrocannabinol (HHC)-haltigen Erzeugnissen zu erwarten, Stellungnahme Nr. 019/2025 (4. Juni 2025), Bundesinstitut für Risikobewertung
- Fünfte Verordnung zur Änderung der Anlage des Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetzes, Drucksache 202/24 (26. April 2024), Bundesrat
- Gesetz zur Änderung des Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetzes, Drucksache 697/25 (28. November 2025), Bundesrat
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