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Das Endocannabinoidsystem: Was gesichert ist und was Hypothese bleibt

Der Körper bildet eigene Stoffe, die an dieselben Rezeptoren binden wie THC aus der Cannabispflanze. Entdeckt wurde dieses System erst ab Ende der 1980er Jahre, und viele Aussagen darüber gehen weiter, als die Forschung trägt.

Was ist das Endocannabinoidsystem?

Das Endocannabinoidsystem ist ein Signalsystem des Körpers, das aus drei Teilen besteht: Rezeptoren, körpereigenen Botenstoffen (Endocannabinoiden) und Enzymen, die diese Botenstoffe herstellen und wieder abbauen. Benannt ist es nach der Cannabispflanze, weil es über deren Wirkstoff THC entdeckt wurde. Die Magdeburger Forschenden Oliver Ullrich und Regine Schneider-Stock beschrieben es 2005 in der Pharmazeutischen Zeitung als lokal wirksames Regulationssystem im Nervensystem und im Immunsystem.1

Lokal heißt: Die Botenstoffe entstehen dort, wo sie gebraucht werden, und werden rasch wieder inaktiviert. Makrophagen etwa, eine Gruppe von Immunzellen, sind eine wichtige Quelle von Endocannabinoiden und bauen sie zugleich schnell ab.1

Wie wurde das Endocannabinoidsystem entdeckt?

Die Entdeckung begann mit der Pflanze. 1964 isolierten Yechiel Gaoni und Raphael Mechoulam das psychoaktive THC und klärten seine Struktur auf.1 Danach stellte sich die Frage, wo im Körper dieser Stoff angreift. 1988 gab es die ersten eindeutigen Belege für spezifische Bindungsstellen für Cannabinoide im Gehirn von Ratten.2

1990 gelang es, den ersten Rezeptor zu klonieren, also seine Bauanleitung zu entschlüsseln: CB1. Drei Jahre später folgte CB2.2 Wenn der Körper Rezeptoren für einen Pflanzenstoff besitzt, liegt nahe, dass er auch eigene Stoffe bildet, die dort andocken. Diese Suche führte zum ersten Endocannabinoid.

Am 18. Dezember 1992 beschrieb eine Arbeitsgruppe um William Devane, Lumír Hanuš und Raphael Mechoulam in der Fachzeitschrift Science einen Stoff aus dem Gehirn von Schweinen, der an den Cannabinoidrezeptor bindet und Wirkungen von THC nachahmt. Sie nannten ihn Anandamid. Die Autoren formulierten damals vorsichtig, er könne als natürlicher Bindungspartner des Rezeptors dienen.3 1995 identifizierte das Team um Mechoulam im Darm von Hunden einen zweiten Botenstoff, 2-Arachidonoylglycerol, kurz 2-AG. Er bindet an CB1 und CB2 und löste bei Mäusen die für THC typischen Effekte aus.4

JahrStation
1964THC isoliert und Struktur aufgeklärt
1988Bindungsstellen für Cannabinoide im Rattenhirn nachgewiesen
1990Rezeptor CB1 kloniert
1992Anandamid als erstes Endocannabinoid beschrieben
1993Rezeptor CB2 kloniert
19952-Arachidonoylglycerol (2-AG) identifiziert

Woraus besteht das Endocannabinoidsystem?

Rezeptoren

Die beiden gut untersuchten Rezeptoren sind CB1 und CB2. Beide sitzen in der Zellmembran und leiten Signale über gekoppelte Signalproteine ins Zellinnere weiter. Dabei hemmen sie ein Enzym, das den Botenstoff cAMP bildet. CB1 findet sich hauptsächlich im zentralen Nervensystem, vor allem auf Nervenzellen in Regionen für Bewegung, Schmerzempfinden und Lernen. CB2 sitzt vor allem auf Zellen des Immunsystems, etwa auf Mastzellen und Lymphozyten.2

Wichtig für das Verständnis von Cannabis als Arznei: Die körpereigenen Botenstoffe Anandamid und 2-AG aktivieren CB1 voll. THC und das chemisch identische Dronabinol sind dort nur Teilagonisten, wirken aber länger.5 Wie sich THC und CBD an diesen Rezeptoren unterscheiden, erklärt der Beitrag THC und CBD.

Botenstoffe

Anandamid und 2-AG sind beide Abkömmlinge der Arachidonsäure, einer Fettsäure. Sie werden also aus Bausteinen der Zellmembran gebildet. Nach Darstellung von Ullrich und Schneider-Stock wird Anandamid wahrscheinlich nur bei Bedarf hergestellt, während 2-AG ständig im Gewebe vorhanden ist.1 Neben diesen beiden sind weitere ähnliche Fettsäureverbindungen beschrieben worden, deren Bedeutung weniger klar ist.

Enzyme

Für den schnellen Abbau sorgen zwei Enzyme. Die Fettsäureamidhydrolase (FAAH) spaltet Anandamid, die Monoacylglycerollipase (MAGL) baut 2-AG ab.6

Welche Aufgaben hat das Endocannabinoidsystem?

Am besten verstanden ist die Rolle an den Synapsen, den Kontaktstellen zwischen Nervenzellen. Endocannabinoide werden von der empfangenden Zelle freigesetzt und wandern rückwärts zur sendenden Zelle. Dort aktivieren sie CB1 und drosseln die Ausschüttung von Botenstoffen.1 Das System wirkt wie eine Bremse, die verhindert, dass eine Synapse überaktiv wird. Diese rückwärts gerichtete (retrograde) Signalübertragung ist gut untersucht.

Lehrbücher und Nachschlagewerke nennen eine lange Liste weiterer Beteiligungen: Schmerzverarbeitung, Gedächtnis, Bewegungssteuerung, Appetit, Herz und Kreislauf, Immunsystem, Zellwachstum und Hirnentwicklung.6 Beteiligung heißt allerdings nicht, dass das System diese Vorgänge allein steuert oder dass man sie gezielt über Cannabinoide beeinflussen kann. Für Tumoren, Multiple Sklerose und Schmerz bezeichneten Ullrich und Schneider-Stock die Tierversuchsdaten 2005 als vielversprechend, betonten aber, dass klinische Studien am Menschen weitgehend fehlten.1

Was ist gesichert, was ist Hypothese?

Gesichert ist der Aufbau: Es gibt die Rezeptoren CB1 und CB2, es gibt Anandamid und 2-AG, und es gibt Enzyme, die beide abbauen. Gesichert ist auch die Bremsfunktion an Synapsen. Dass THC über CB1 wirkt, ist ebenfalls gut belegt.

Unsicherer wird es bei Aussagen wie "das Endocannabinoidsystem reguliert das Gleichgewicht des ganzen Körpers". Solche Sätze finden sich häufig in Werbetexten. Sie fassen viele einzelne Laborbefunde zu einer Gesamtaussage zusammen, die so nicht untersucht ist.

AussageEinordnung
CB1 vor allem im Nervensystem, CB2 vor allem im Immunsystemgesichert
Endocannabinoide bremsen an Synapsen die Signalübertragunggesichert
THC wirkt psychotrop über CB1gesichert
Beteiligung an Schmerz, Appetit, Gedächtnis, Immunabwehrbelegt, Details vielfach offen
Ein Mangel an Endocannabinoiden verursacht Migräne, Fibromyalgie oder ReizdarmHypothese

Gibt es einen Endocannabinoidmangel?

Das ist nicht belegt. Der Arzt und Cannabisforscher Ethan Russo schlug 2001 und 2004 das Konzept eines "klinischen Endocannabinoidmangels" vor. Die Idee: Ähnlich wie bei Parkinson ein Mangel an Dopamin besteht, könnte bei manchen Menschen zu wenig Endocannabinoid vorhanden sein. Als Kandidaten nannte er Migräne, Fibromyalgie und Reizdarmsyndrom.7

Das Gesundheitsministerium des Bundesstaats Minnesota in den USA hat die Belege 2017 ausgewertet. Ergebnis: Das Konzept "bleibt eine Theorie". Es gibt keine festgelegten Kriterien, nach denen man einen solchen Mangel feststellen könnte. Präklinische Studien zeigen, dass das Endocannabinoidsystem an diesen Erkrankungen beteiligt ist, beweisen aber keinen Mangel. Klinische Studien gibt es kaum, Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften zum Thema fand die Behörde nicht.7

Befürworter sehen das anders. Eine Übersichtsarbeit von 2014 kam zu dem Schluss, spätere Forschung habe eine Rolle von Endocannabinoiddefiziten bestätigt, forderte aber selbst weitere klinische Studien. Die Arbeit wertete vorhandene Literatur aus und brachte keine eigenen Daten.8 Russo selbst überschrieb einen Artikel 2016 damit, die aktuelle Forschung stütze die Theorie, spricht im Text aber von einer Basishypothese.9

Wer liest, ein Produkt gleiche einen Endocannabinoidmangel aus, sollte wissen: Es gibt weder einen anerkannten Test noch eine anerkannte Diagnose für einen solchen Mangel.

Lassen sich Medikamente am Endocannabinoidsystem entwickeln?

Ja, die Forschung versucht das seit Jahren, mit gemischten Erfahrungen. Ein Beispiel zeigt die Risiken: Ein Wirkstoff, der den Rezeptor CB1 blockiert, wurde 2006 in der EU zur Gewichtsabnahme zugelassen.10 Im Oktober 2008 wurde er vorläufig vom Markt genommen, nachdem der Ausschuss für Humanarzneimittel der europäischen Arzneimittelbehörde zu dem Schluss gekommen war, dass die Risiken den Nutzen überwiegen. Psychische Nebenwirkungen wie Depressionen, Schlafstörungen, Angst und Aggression traten etwa doppelt so häufig auf wie unter Placebo.11

Der Fall zeigt, wie eng das System mit Stimmung und Psyche verknüpft ist. Andere Ansätze zielen darauf, den Abbau von Anandamid durch Hemmung der FAAH zu bremsen, oder setzen gezielt an CB2 an. Eine pharmakologische Übersicht von 2005 hielt solche Stoffe für möglicherweise nützlich, etwa in der Schmerztherapie, stützte sich dabei aber vor allem auf Daten aus dem Labor.12 Ob daraus Arzneimittel für den Alltag werden, ist offen.

Häufige Fragen

Hat jeder Mensch ein Endocannabinoidsystem?

Ja. Rezeptoren, Botenstoffe und Abbauenzyme des Systems kommen bei Menschen und vielen Tieren vor. Anandamid wurde zuerst im Gehirn von Schweinen gefunden.

Wann wurde Anandamid entdeckt?

Die Entdeckung wurde am 18. Dezember 1992 in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht. Beteiligt waren unter anderen William Devane, Lumír Hanuš und Raphael Mechoulam.

Was ist der Unterschied zwischen CB1 und CB2?

CB1 sitzt vor allem auf Nervenzellen und vermittelt die berauschende Wirkung von THC. CB2 findet sich vor allem auf Zellen des Immunsystems, seine genaue Funktion ist noch nicht vollständig geklärt.

Kann man einen Endocannabinoidmangel testen lassen?

Nein. Für einen klinischen Endocannabinoidmangel gibt es keine anerkannten Diagnosekriterien. Das Konzept ist eine Hypothese, die nicht durch klinische Studien bestätigt ist.

Quellen

  1. Endocannabinoide können mehr (7. Februar 2005), Pharmazeutische Zeitung
  2. CB1-Rezeptor, DocCheck Flexikon
  3. Isolation and structure of a brain constituent that binds to the cannabinoid receptor, Science 258 (18. Dezember 1992), Hebräische Universität Jerusalem (Forschungsportal)
  4. Identification of an endogenous 2-monoglyceride, present in canine gut, that binds to cannabinoid receptors, Biochemical Pharmacology 50 (1995), Hebräische Universität Jerusalem (Forschungsportal)
  5. Dem Entourage-Effekt auf der Spur, Seite 2 (23. Oktober 2025), Pharmazeutische Zeitung
  6. Endogenes Cannabinoid-System, DocCheck Flexikon
  7. Brief on Clinical Endocannabinoid Deficiency (September 2017), Minnesota Department of Health
  8. Clinical endocannabinoid deficiency (CECD) revisited, Neuro Endocrinology Letters 35 (2014), Neuro Endocrinology Letters
  9. Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered (2016), OmicsDI (Eintrag zu PMC5576607)
  10. Endocannabinoid-System, chemie.de Lexikon
  11. Rimonabant einstweilig vom Markt genommen (Ausgabe 44/2008), Pharmazeutische Zeitung
  12. The endocannabinoid signaling system: pharmacological and therapeutic aspects, Pharmacology Biochemistry and Behavior 81 (2005), PubMed

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