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Risiken

Psychosen und Cannabis: was die Studien über das Risiko sagen

Dass Cannabis und Psychosen zusammenhängen, ist durch viele Studien gut belegt. Offen ist vor allem, wie viel davon Ursache und wie viel gemeinsame Veranlagung ist.

Kann Cannabis eine Psychose auslösen?

Ja, Cannabis kann psychotische Symptome auslösen, und regelmäßiger Konsum ist mit einem höheren Risiko für eine dauerhafte psychotische Erkrankung verbunden. Eine Psychose ist ein Zustand, in dem Menschen den Bezug zur Wirklichkeit verlieren: Sie hören Stimmen, fühlen sich verfolgt oder sind von Dingen überzeugt, die nicht stimmen.

Wie direkt THC wirken kann, zeigt ein Experiment von 2014. Studierende bekamen doppelt verblindet entweder THC oder ein Placebo gespritzt. Etwa eine von fünf Testpersonen entwickelte als direkte Folge des Wirkstoffs Verfolgungsgedanken, die meist abklangen, sobald der Wirkstoff den Körper verlassen hatte.1 Eine Metaanalyse, die im Deutschen Ärzteblatt zitiert wird, kam für häufigen Cannabiskonsum auf ein etwa doppelt so hohes Psychoserisiko (Odds Ratio 2,09).2 Eine Übersicht zu cannabisbedingten Notfällen von 2025 nennt nach einer Metaanalyse einen Wert von 2,47.3

Ob Cannabis die Ursache ist, lässt sich mit Beobachtungsstudien nicht endgültig beweisen. Gene könnten gleichzeitig das Risiko für Schizophrenie und die Neigung zum Konsum erhöhen.1 Eine Studie aus Deutschland und den Niederlanden über rund zehn Jahre fand allerdings: Wer früher konsumiert hatte, entwickelte häufiger psychotische Symptome, umgekehrt förderten psychotische Erfahrungen den späteren Konsum nicht.1

Welche Rolle spielen Häufigkeit und Gehalt an THC?

Je öfter und je stärker, desto höher das Risiko. Das zeigt eine Studie mit Kontrollgruppe unter Leitung von Marta Di Forti vom King's College London, die 2019 in The Lancet Psychiatry erschien. Sie verglich 901 Menschen mit einer ersten Psychose mit 1.237 Kontrollpersonen in elf Regionen Europas und Brasiliens.4

Ergebnis der StudieMenschen mit PsychoseKontrollgruppe
Täglicher Konsum29,5 Prozent6,8 Prozent
Konsum von Cannabis mit hohem Gehalt an THC37,1 Prozent19,4 Prozent

Wer täglich konsumierte, hatte ein etwa dreimal so hohes Risiko für eine erste Psychose wie Menschen, die nie Cannabis genommen hatten. Bei täglichem Konsum von Cannabis mit hohem Gehalt an THC war es etwa fünfmal so hoch. Etwa jeder fünfte Psychosefall in den Studienregionen hing mit täglichem Konsum zusammen. Für Amsterdam, wo Cannabis mit bis zu 67 Prozent THC verkauft wird, berechneten die Forschenden: Gäbe es nur Cannabis unter 10 Prozent THC, sänke die Zahl neuer Psychosen von 37,9 auf 18,8 je 100.000 Personenjahre.4 Diese Werte sind Modellrechnungen, die einen ursächlichen Zusammenhang voraussetzen.

Eine Folgeauswertung von 2024 bestätigte den Befund: Täglicher Konsum von Cannabis mit mindestens 10 Prozent THC war mit dem höchsten Risiko verbunden (Odds Ratio 5,09). Die genetische Veranlagung für Schizophrenie und der Cannabiskonsum wirkten unabhängig voneinander, sie addieren sich möglicherweise.5

Wie häufig sind cannabisbedingte Psychosen?

Verlässliche bundesweite Zahlen gibt es nicht. Eine Auswertung der sechs Bezirkskliniken in Schwaben, die dort die gesamte stationäre Psychiatrie abdecken, verglich zwei Jahre vor und ein Jahr nach der Legalisierung am 1. April 2024. Die Rate der stationär behandelten cannabisinduzierten Psychosen stieg von 1,68 auf 3,00 je 100.000 Erwachsene pro Quartal. Ihr Anteil an allen Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis wuchs von 4,7 auf 8,2 Prozent. Die übrigen Psychosen gingen leicht zurück.6

Die Autorinnen und Autoren mahnen zur Vorsicht. Ein Teil des Anstiegs könne auf eine veränderte Diagnostik zurückgehen, etwa weil Ärztinnen und Ärzte genauer nach Cannabis fragen. Erst und Wiederaufnahmen wurden nicht getrennt, und die Daten stammen aus einer Region.6

Bei Cannabisarzneimitteln sind psychotische Reaktionen selten. In der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit 16.809 vollständigen Datensätzen wurden Halluzinationen bei 0,7 Prozent, Sinnestäuschungen bei 0,6 Prozent und Wahnvorstellungen bei 0,4 Prozent gemeldet. Das BfArM warnt, solche Reaktionen könnten schon bei niedriger Dosis auftreten und auch nach längerer Zeit ohne Beschwerden. Sie seien nicht zu unterschätzen.7 Weitere Nebenwirkungen beschreibt der Artikel Nebenwirkungen von Cannabisarzneimitteln.

Warum ist früher Konsum besonders riskant?

Schizophrenie bricht meist zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr erstmals aus. Ein früher Einstieg in regelmäßigen Konsum gilt als Risikofaktor. Eine Langzeitstudie fand, dass frühe Einsteiger etwa doppelt so häufig an Schizophrenie erkrankten wie Jugendliche ohne Konsum.8

Eine Kohortenstudie aus Kalifornien mit 463.396 Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren bestätigt das Bild. Wer im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert hatte, erkrankte bis zum Alter von 25 Jahren gut doppelt so häufig an einer psychotischen Störung (bereinigtes Risikoverhältnis 2,19).9 Mehr dazu im Artikel Cannabis bei Jugendlichen.

Welche Warnzeichen sollte man kennen?

Vor einer Psychose zeigen sich oft unspezifische Veränderungen. Das Fachportal Neurologen und Psychiater im Netz nennt als Frühzeichen:10

  • Rückzug aus Freundschaften und Familie
  • weniger Lebensfreude und Leistungsfähigkeit, Probleme in Ausbildung oder Beruf
  • Ängste, gedrückte Stimmung, Nervosität und Unruhe

Typisch für eine durch Cannabis ausgelöste Psychose sind Misstrauen, das Gefühl, beobachtet oder verfolgt zu werden, Stimmenhören und andere Halluzinationen.1 Klingen solche Symptome nicht ab, wenn die Wirkung vorbei ist, kann eine Schizophrenie dahinterstecken.8 Wer die ersten, noch leichten Zeichen bemerkt, sollte sich früh an eine Ärztin, einen Arzt oder ein Früherkennungszentrum wenden.10

Wann ist Cannabis als Medizin tabu?

Bei einer bekannten oder vermuteten Schizophrenie oder anderen Psychose, auch in der Familie, darf das Mundspray mit Nabiximols nicht angewendet werden. Dasselbe gilt bei schweren Persönlichkeitsstörungen und anderen erheblichen psychiatrischen Störungen, ausgenommen eine Depression im Zusammenhang mit der Grunderkrankung.11 Nach der Fachinformation für Nabilon sollen Menschen mit psychischen Erkrankungen das Arzneimittel nicht anwenden, ausdrücklich auch bei manisch depressiven Erkrankungen und Depressionen.12 Eine akute Psychose gilt in der Praxis als absolute Gegenanzeige für jede Therapie mit Cannabis.13

Vor einer Verordnung sollte die Praxis nach psychischen Erkrankungen fragen, auch bei Eltern und Geschwistern. Wer schon einmal unter Cannabis psychotische Erfahrungen gemacht hat, gehört ebenfalls zur Risikogruppe.1

Wer bereits an einer Psychose erkrankt ist und Cannabis konsumiert, braucht eine abgestimmte Behandlung beider Probleme. Die S3-Leitlinie zu cannabisbezogenen Störungen enthält dazu eigene Empfehlungen.14

Hilfe und Beratung

  • Notruf 112 bei akuter Gefahr für sich oder andere, starker Verwirrtheit oder Suizidgedanken.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117: rund um die Uhr, für akute, aber nicht lebensbedrohliche Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten.15
  • Sucht & Drogen Hotline 01806 313031: täglich von 8 bis 24 Uhr, 0,20 Euro pro Anruf aus Festnetz und Mobilfunk.16
  • Infotelefon zur Suchtvorbeugung des BIÖG 0221 892031: Montag bis Donnerstag 10 bis 22 Uhr, Freitag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, vermittelt an Beratungsstellen vor Ort.17

Häufige Fragen

Wie stark erhöht Cannabis das Psychoserisiko?

In einer großen Studie aus Europa und Brasilien war täglicher Konsum mit einem etwa dreifachen, täglicher Konsum von Cannabis mit hohem Gehalt an THC mit einem etwa fünffachen Risiko verbunden. Wer selten konsumiert, hat ein deutlich geringeres Zusatzrisiko.

Ist eine Psychose durch Cannabis heilbar?

Akute psychotische Symptome nach dem Konsum klingen oft ab, wenn die Wirkung vorbei ist. Halten sie an, kann eine Schizophrenie vorliegen, die fachärztlich behandelt werden muss.

Darf ich Cannabis auf Rezept nehmen, wenn in meiner Familie jemand eine Psychose hatte?

Für das Mundspray mit Nabiximols ist das eine Gegenanzeige. Auch bei anderen Cannabisarzneimitteln raten Fachleute in diesem Fall ab; die Entscheidung trifft die Ärztin oder der Arzt.

Sind Psychosen seit der Legalisierung häufiger geworden?

Eine Auswertung aus Schwaben fand mehr stationär behandelte cannabisinduzierte Psychosen, die übrigen Psychosen gingen leicht zurück. Bundesweite Daten fehlen, ein Teil des Anstiegs kann an genauerer Diagnostik liegen.

Quellen

  1. Cannabiskonsum kann psychotische Symptome auslösen (Juni 2021), drugcom.de, BIÖG
  2. Hoch E et al.: Risiken bei nichtmedizinischem Gebrauch von Cannabis (2015), Deutsches Ärzteblatt
  3. Eichhorn D et al.: Cannabisassoziierte Notfälle, Dtsch Arztebl Int 2025; 122: 467-471, Deutsches Ärzteblatt
  4. Neue Studie: Höhere Psychose-Rate bei täglichem Cannabis-Konsum (20. März 2019), Pharmazeutische Zeitung
  5. Sucht und Drogen: Cannabiskonsum erhöht Psychoserisiko (13. März 2025), Deutsches Ärzteblatt
  6. Greiner SK et al.: Häufigkeit psychotischer Erkrankungen nach der Cannabis-Legalisierung (18. Dezember 2025), Deutsches Ärzteblatt
  7. Abschlussbericht der Begleiterhebung zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln (6. Juli 2022), Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
  8. Kann man vom Kiffen eine Psychose bekommen? (April 2010), drugcom.de, BIÖG
  9. Cannabiskonsum bei Jugendlichen: Verdoppelung des Risikos für psychotische und bipolare Störungen (12. Mai 2026), Deutsches Ärzteblatt
  10. Psychose-Frühzeichen (Prodromalsymptome), Neurologen und Psychiater im Netz
  11. Fachinformation Nabiximols, Spray zur Anwendung in der Mundhöhle (Stand April 2026), Fachinfo-Service
  12. Fachinformation Nabilon Kapseln, Fachinfo-Service
  13. THC: Nebenwirkungen bei Cannabis-Therapie (20. Dezember 2024), PTAheute
  14. S3-Leitlinie zu cannabisbezogenen Störungen vorgelegt (11. Dezember 2025), Deutsches Ärzteblatt
  15. Patientenservice 116117, Kassenärztliche Bundesvereinigung
  16. Sucht & Drogen Hotline, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
  17. Infotelefon zur Suchtvorbeugung, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)

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