CannaPharmaWissen zu medizinischem Cannabis

Therapie

Wie wird medizinisches Cannabis angewendet? Verdampfen, Tropfen, Kapseln und Mundspray im Vergleich

Ob Cannabis schnell und kurz oder langsam und anhaltend wirkt, hängt weniger vom Präparat ab als vom Weg in den Körper. Seit Blüten keine Kassenleistung mehr sind, stellt sich für viele Patientinnen und Patienten die Frage nach der Anwendung neu.

Tropfflasche aus Braunglas, Dosierspritze und ein Verdampfer auf einem weißen Tablett© KI

Welche Anwendungsformen gibt es?

Medizinisches Cannabis kommt auf drei Wegen in den Körper: über die Lunge (Verdampfen von Blüten oder Extrakten), über den Magen (Tropfen, Öl, Kapseln) und über die Mundschleimhaut (Spray). Verordnet werden getrocknete Blüten, standardisierte Extrakte, Dronabinol als Tropfen oder Kapseln sowie zugelassene Fertigarzneimittel wie ein Mundspray mit Nabiximols oder Kapseln mit Nabilon.12

Welche Form infrage kommt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt zusammen mit der Patientin. Seit 30. Juli 2026 spielt dabei auch die Kostenfrage eine Rolle: Blüten zahlt die gesetzliche Kasse nicht mehr, Extrakte, Dronabinol und Fertigarzneimittel schon.3 Einen Überblick über alle Präparate bietet unser Artikel zu den Darreichungsformen.

Wie schnell und wie lange wirken die einzelnen Formen?

Inhaliert wirkt THC am schnellsten, geschluckt am längsten. Die Apotheker Mario Wurglics und Christian Ude haben 2020 in der Fachzeitschrift Psychopharmakotherapie die pharmakokinetischen Daten der Darreichungsformen zusammengestellt:2

FormWirkeintrittWirkdauer
Blüten, verdampft5 bis 10 Minuten2 bis 4 Stunden
Dronabinol, Kapseln zum Schlucken30 bis 60 Minuten4 bis 6 Stunden
Mundspray mit Nabiximols15 bis 40 Minuten2 bis 4 Stunden

Die Barmer nennt für die Inhalation einen spürbaren Effekt nach 1 bis 2 Minuten, das Maximum nach etwa 15 Minuten und eine Dauer von bis zu 4 Stunden. Für die orale Einnahme gibt sie 30 bis 90 Minuten bis zum Wirkeintritt an, das Maximum nach 2 bis 3 Stunden und ein Abklingen nach 4 bis 8 Stunden.1 Die Spannen unterscheiden sich, weil Menschen THC sehr unterschiedlich aufnehmen. Welche Form im Einzelfall passt, klärt die Praxis.

Wie funktioniert das Verdampfen mit dem Vaporizer?

Ein Vaporizer erhitzt Blüten oder Extrakt so stark, dass die Cannabinoide verdampfen, ohne dass das Material verbrennt. Die Barmer nennt Temperaturen von 180 bis 210 Grad Celsius; die Glut einer Zigarette erreicht 500 bis 600 Grad.1 Wurglics und Ude bezeichnen elektrische Verdampfer als einzige empfehlenswerte Methode der Inhalation.2

Für medizinische Zwecke sind nur wenige Geräte als Medizinprodukt zugelassen. Darunter sind Tischgeräte, die den Dampf in einen Ballon leiten, und tragbare Geräte; nicht jedes eignet sich für Flüssigextrakte oder Dronabinol. Günstige Geräte aus dem Freizeitbereich hält die Barmer für medizinische Zwecke nicht für empfehlenswert.1 Ein zugelassenes Gerät erhitzt gleichmäßiger und lässt sich reproduzierbar bedienen, was bei einem Arzneimittel zählt. Wie die Bedienung im Einzelfall aussieht, erklärt die Apotheke bei der Abgabe; mehr dazu im Artikel zur Rolle der Apotheke.

Verdampfen ist nicht automatisch schwächer als Rauchen. In einer Studie der Johns Hopkins University mit 17 gelegentlichen Konsumierenden, veröffentlicht im Fachjournal JAMA, führte verdampftes Cannabis bei gleicher Menge THC zu höheren Blutspiegeln und stärkeren Effekten als gerauchtes, auch zu mehr Herzrasen und Angstgefühlen.4 Wer umsteigt, sollte das mit der Praxis besprechen.

Warum wird vom Rauchen abgeraten?

Weil beim Verbrennen Wirkstoff verloren geht und Schadstoffe entstehen. Nach den Angaben der Barmer verbrennt beim Rauchen etwa ein Drittel der Cannabinoide, 40 bis 50 Prozent entweichen mit dem Rauch, der nicht eingeatmet wird, und nur 20 bis 30 Prozent werden tatsächlich inhaliert. Beim Verdampfen gehen je nach Temperatur etwa 50 Prozent der Cannabinoide in den Dampf über, davon erreichen rund zwei Drittel den Blutkreislauf.1 Häufig wird beim Rauchen außerdem Tabak beigemischt, mit Teer und weiteren Giftstoffen.1

Aus pharmazeutischer Sicht ist ein Joint keine verordnungsfähige Darreichungsform. Wurglics und Ude lehnen ihn wegen der giftigen Begleitstoffe ab.2 Der Darmstädter Apotheker Christian Ude hatte schon 2018 auf einem Fortbildungskongress das Rauchen ebenso abgelehnt wie Wasserpfeifen und Gebäck; für Blüten nannte er Verdampfen und Tee als pharmazeutisch vertretbare Wege.5 Wie Cannabis die Lunge und andere Organe belastet, beschreibt unser Beitrag zu den Nebenwirkungen.

Was ist bei Tropfen und Öl zu beachten?

Tropfen und Öle werden geschluckt oder unter die Zunge gegeben und über den Magen und Darm aufgenommen. Dronabinol ist in diesen Zubereitungen THC in gelöster Form, standardisierte Extrakte enthalten einen festgelegten Gehalt an Wirkstoff.1 Die Wirkung setzt verzögert ein und hält länger an als beim Inhalieren.2

Gerade diese Verzögerung birgt eine typische Gefahr: Wer nach einer halben Stunde nichts spürt und nachlegt, erlebt die volle Wirkung beider Gaben später gleichzeitig. Fachleute raten deshalb, niedrig zu beginnen, langsam zu steigern und jede Änderung ärztlich abzusprechen. Konkrete Mengen legt allein die verordnende Praxis fest.

Ein Tee aus Blüten ist zwar möglich, aber wenig ergiebig. Die Barmer beziffert die Ausbeute an THC auf etwa 5 Prozent; eine Kochzeit von 60 statt 15 Minuten erhöht sie nur um das Eineinhalbfache.1

Wie wirken Kapseln und Mundspray?

Kapseln wirken wie Tropfen, nur mit fest vorgegebener Menge pro Einheit. Bei Dronabinolkapseln wird der höchste Blutspiegel nach etwa 30 bis 60 Minuten erreicht, bei Nabilon nach Angaben von Christian Ude nach 60 bis 90 Minuten.25 Nabilon ist ein synthetischer Wirkstoff und das einzige Cannabinoid, das weiterhin ein Betäubungsmittelrezept braucht.3

Das Mundspray mit Nabiximols wird in die Mundhöhle gesprüht und über die Schleimhaut aufgenommen.1 Es wirkt etwas schneller als Kapseln, erreicht aber deutlich niedrigere Blutspiegel als die Inhalation.2 Zugelassen ist es für die Spastik bei Multipler Sklerose; außerhalb dieses Anwendungsgebiets wird es nur im Einzelfall verordnet.3 Mehr zur Studienlage steht in unserem Artikel zu MS und Spastik.

Welche Form passt zu wem?

Eine allgemeine Antwort gibt es nicht. Neben Wirkeintritt und Wirkdauer zählen praktische Fragen: ob jemand mit einem Verdampfer umgehen kann, ob die Lunge vorbelastet ist, ob Schluckbeschwerden bestehen. Für Menschen, die bisher Blüten auf Kassenrezept bekamen, steht seit Juli 2026 meist der Wechsel auf einen Extrakt oder Dronabinol an. Nach Auffassung von KBV und GKV-Spitzenverband müssen sie vorher nicht sechs Monate ein Fertigarzneimittel ausprobieren.6 Was dabei mit der Krankenkasse zu klären ist, beschreibt unser Artikel Zahlt die Krankenkasse für Cannabis?

Ob ein Extrakt zum Einnehmen eine Blütentherapie gleichwertig ersetzt, ist umstritten. Der Verband der Cannabis versorgenden Apotheken bezweifelt das mit Blick auf den langsameren Wirkeintritt; das schnellste Fertigarzneimittel auf dem deutschen Markt brauche mindestens 20 Minuten.7 Vergleichende Studien, die diese Frage beantworten, fehlen.

Häufige Fragen

Wie schnell wirkt inhaliertes Cannabis?

Nach Fachangaben innerhalb weniger Minuten, meist nach 5 bis 10 Minuten. Die Wirkung hält etwa 2 bis 4 Stunden an.

Warum soll man medizinisches Cannabis nicht rauchen?

Beim Verbrennen gehen Wirkstoffe verloren, und es entstehen Teer und weitere Schadstoffe. Pharmazeutisch gilt ein Joint nicht als Darreichungsform; empfohlen wird ein elektrischer Verdampfer.

Wirken Cannabistropfen schwächer als Inhalieren?

Sie wirken anders: später, nach 30 bis 60 Minuten, dafür länger, etwa 4 bis 6 Stunden. Wer zu früh nachdosiert, riskiert eine zu starke Wirkung.

Brauche ich einen speziellen Vaporizer?

Für medizinische Zwecke werden Geräte empfohlen, die als Medizinprodukt zugelassen sind. Sie erhitzen gleichmäßig und lassen sich reproduzierbar bedienen. Die Apotheke erklärt die Anwendung.

Zahlt die Kasse noch für Cannabis zum Inhalieren?

Für Blüten nicht mehr, seit 30. Juli 2026. Extrakte, Dronabinol und zugelassene Fertigarzneimittel bleiben unter den gesetzlichen Voraussetzungen erstattungsfähig.

Quellen

  1. Cannabis vaporisieren, Barmer
  2. Wurglics M, Ude C: Cannabis und Cannabinoide als legale Arzneimittel. Psychopharmakotherapie 2020;27:98-104, Psychopharmakotherapie
  3. Merkblatt Cannabisverordnung in der GKV (Stand September 2026), Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg
  4. Cannabis: Inhalation stärker wirksam als Rauchen (6. Dezember 2018), apotheke adhoc
  5. Kein Joint aus der Apotheke (6. Juni 2018), Pharmazeutische Zeitung
  6. Was gilt in der Versorgung mit Cannabis? (August 2026, aktualisiert Oktober 2026), Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg
  7. Keine Cannabisblüten mehr auf Kassenrezept: was das für Patienten bedeutet (5. August 2026, aktualisiert 20. Oktober 2026), Apotheken Umschau

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