Risiken
Nebenwirkungen von Cannabisarzneimitteln: was häufig ist und was selten
Wer Cannabis auf Rezept bekommt, muss mit Nebenwirkungen rechnen, meist mit leichten. Wie oft welche auftreten, steht in den Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte und die Fachinformationen der zugelassenen Präparate.
Welche Nebenwirkungen sind am häufigsten?
Am häufigsten macht Cannabis müde. Von April 2017 bis März 2022 sammelte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Daten zu Behandlungen, die gesetzliche Kassen bezahlt haben. Ausgewertet wurden 16.809 vollständige von rund 21.000 gemeldeten Fällen. In 14,9 Prozent davon wurde Müdigkeit genannt, sie gilt damit als sehr häufig.1
| Nebenwirkung | Anteil der Fälle |
|---|---|
| Müdigkeit | 14,9 Prozent |
| Schwindel | 9,8 Prozent |
| Schläfrigkeit | 6,0 Prozent |
| Übelkeit | 4,9 Prozent |
| Mundtrockenheit | 4,9 Prozent |
| Aufmerksamkeitsstörungen | 4,3 Prozent |
| Appetitsteigerung | 4,2 Prozent |
| Gleichgewichtsstörungen | 3,1 Prozent |
| Gedächtnisstörungen | 3,0 Prozent |
| Gewichtszunahme | 2,1 Prozent |
| Desorientierung | 1,7 Prozent |
| Euphorische Stimmung | 1,4 Prozent |
| Depression | 1,2 Prozent |
Frauen gaben fast alle Nebenwirkungen häufiger an als Männer. Schwindel meldeten 12,2 Prozent der Frauen und 6,9 Prozent der Männer, Übelkeit 6,3 gegenüber 3,2 Prozent.1 Den Schweregrad hat die Erhebung nicht erfasst. Weil wenige Behandlungen wegen Nebenwirkungen abgebrochen wurden, schließt das BfArM, dass sie überwiegend nicht schwerwiegend waren.
Was steht in den Fachinformationen?
Im Wesentlichen deckt sich die Begleiterhebung mit den Fachinformationen der zugelassenen Cannabisarzneimittel.1 Beim Mundspray mit Nabiximols, einem Extrakt mit THC und Cannabidiol, gelten Schwindel und Müdigkeit als sehr häufig, also bei mehr als einer von zehn behandelten Personen. Als häufig gelten unter anderem Desorientiertheit, Gedächtnislücken, verschwommenes Sehen, Übelkeit, Erbrechen, Mundtrockenheit und Schmerzen oder Geschwüre im Mund an der Stelle, an der gesprüht wird. Gelegentlich treten Halluzinationen, Paranoia, Wahnwahrnehmungen, Suizidgedanken, Herzklopfen und Herzrasen auf.2
Für Nabilon, einen synthetischen Abkömmling von THC, listet die Fachinformation als häufig Benommenheit, Gangunsicherheit, Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen, Euphorie, Schlafstörungen, Sehstörungen, Drehschwindel, niedrigen Blutdruck, Mundtrockenheit und Übelkeit. Selten sind Verwirrtheit, Halluzinationen, Psychosen, Angst und Herzrasen.3
Anders sieht es bei reinem Cannabidiol aus, das als Fertigarzneimittel gegen bestimmte Formen von Epilepsie zugelassen ist. In den Zulassungsstudien standen Schläfrigkeit (23 Prozent), verminderter Appetit (21 Prozent), Durchfall (20 Prozent) und Fieber (16 Prozent) an der Spitze. Bei 12 Prozent stiegen die Leberwerte auf mehr als das Dreifache der Obergrenze, unter Placebo bei weniger als einem Prozent. Deshalb schreibt die Fachinformation vor, die Leberwerte vor Therapiebeginn und in den ersten Monaten zu kontrollieren.4
Welche seltenen Nebenwirkungen sind gefährlich?
Unter den gelegentlichen Nebenwirkungen nennt das BfArM gesondert die, die bedrohlich werden können: Herzklopfen und Herzrasen (je 0,8 Prozent), Halluzinationen (0,7 Prozent), Sinnestäuschungen (0,6 Prozent), Wahnvorstellungen (0,4 Prozent) und Suizidgedanken (0,1 Prozent, 21 Nennungen).1 Laut Bericht können psychotische Reaktionen schon bei niedriger Dosis auftreten, auch nach längerer Zeit ohne Beschwerden. Mehr dazu im Artikel über Psychosen und Cannabis.
THC wirkt auch auf Herz und Kreislauf. Es kann zunächst den Blutdruck senken, worauf das Herz schneller schlägt. Für Menschen mit schweren Herzerkrankungen kann das gefährlich werden, besonders wenn sie hohe Dosen inhalieren. Schwere Herzkreislauferkrankungen und unkontrollierten Bluthochdruck sehen deshalb viele Ärztinnen und Ärzte als Gegenanzeige.5 Bei schwerer Herzkreislauferkrankung empfiehlt die Fachinformation das Spray mit Nabiximols nicht, sie nennt auch Fälle von Bewusstlosigkeit.2
Viele Nebenwirkungen beeinträchtigen die Wachheit. Bei älteren Menschen weist das BfArM auf die erhöhte Sturzgefahr hin.1 Während der Eingewöhnung, nach einem Produktwechsel und nach einer Dosissteigerung sollte niemand Auto fahren.5
Wie oft wird die Therapie wegen Nebenwirkungen beendet?
Etwa ein Drittel der erfassten Behandlungen endete vor Ablauf eines Jahres, am häufigsten wegen fehlender Wirkung (38,5 Prozent). Danach folgten Nebenwirkungen (25,9 Prozent) und der Tod der Patientin oder des Patienten (20,2 Prozent).1
Wer mit Blüten behandelt wurde, meldete seltener Nebenwirkungen, beschrieb aber dreimal so oft eine euphorisierende Wirkung. Im Schnitt war diese Gruppe 45,5 Jahre alt und zu mehr als zwei Dritteln männlich, ihre Tagesdosis an THC lag weit über den sonst üblichen Mengen. Das BfArM rät, bei Blüten die Gefahr von Missbrauch und Abhängigkeit im Blick zu behalten.1 Wie häufig eine Abhängigkeit entsteht, beschreibt der Artikel Abhängigkeit und Cannabiskonsumstörung.
Je höher die Dosis an THC, desto mehr unerwünschte Wirkungen, und beim Inhalieren sind sie stärker als bei Tropfen oder Kapseln. Viele mäßige Nebenwirkungen gehen vorüber oder lassen sich vermeiden. Der Grundsatz lautet deshalb, niedrig zu beginnen und langsam unter ärztlicher Begleitung zu steigern.5
Was ist das Hyperemesissyndrom durch Cannabis?
Beim Cannabinoidhyperemesissyndrom reagiert der Körper paradox. Cannabis wird gegen Übelkeit eingesetzt, löst aber bei manchen Menschen nach jahrelangem täglichem Konsum heftiges, wiederkehrendes Erbrechen aus. Erstmals beschrieben wurde das Syndrom 2004 in Australien.6 Betroffene haben Bauchschmerzen und erbrechen massiv in Episoden, oft über Tage. Gegen die Übelkeit wirken übliche Mittel häufig nicht, lange heiße Duschen lindern oft.7
Gefährlich ist vor allem der Flüssigkeitsverlust. Er kann den Salzhaushalt stören und zu akutem Nierenversagen führen, vereinzelt sind Todesfälle beschrieben. Sicher ist die Diagnose erst im Rückblick, wenn die Beschwerden nach dem Verzicht auf Cannabis verschwinden, der zugleich die einzige ursächliche Behandlung ist.7 Meist klingen die Beschwerden danach innerhalb von zwei bis vier Tagen ab, nach mehreren Monaten Abstinenz bleibt das Syndrom in der Regel aus.6
Die neue S3-Leitlinie zu cannabisbezogenen Störungen geht davon aus, dass etwa 0,1 Prozent der Konsumierenden nach langem, regelmäßigem Gebrauch daran erkranken, und empfiehlt Abstinenz.8 Für Menschen, die Cannabisarzneimittel auf Rezept nehmen, nennen die ausgewerteten Quellen keine Häufigkeit.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Leichte Müdigkeit oder ein trockener Mund in den ersten Tagen können bis zum nächsten Kontrolltermin warten. Sofort ärztlich abklären lassen sollte man diese Beschwerden:
- Stimmen hören, Verfolgungsgefühle, starkes Misstrauen oder Verwirrtheit, auch wenn sie nach dem Abklingen der Wirkung bleiben
- Gedanken, sich das Leben zu nehmen
- Herzrasen, Herzstolpern, Ohnmacht oder Brustschmerzen
- Stürze oder deutliche Gangunsicherheit, vor allem im Alter
- Erbrechen, das über Tage wiederkehrt, mit wenig Trinken und kaum noch Wasserlassen
- Bei Cannabidiol: auffällige Leberwerte bei den vorgeschriebenen Kontrollen
Das BfArM rät, psychotische Symptome ernst zu nehmen.5 Wer neben Cannabis andere Medikamente nimmt, sollte außerdem die Wechselwirkungen prüfen lassen.
Hilfe und Beratung
- Notruf 112 bei Bewusstlosigkeit, Brustschmerzen, Atemnot oder akuter Gefahr für sich oder andere.
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117: rund um die Uhr erreichbar, für akute, aber nicht lebensbedrohliche Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten.9
- Sucht & Drogen Hotline 01806 313031: täglich von 8 bis 24 Uhr, 0,20 Euro pro Anruf aus Festnetz und Mobilfunk. Ein Angebot der Drogennotrufe aus Frankfurt am Main und München, organisatorisch getragen vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG).10
Häufige Fragen
Welche Nebenwirkung hat Cannabis als Medizin am häufigsten?
Müdigkeit, die in der Begleiterhebung des BfArM 14,9 Prozent der Behandelten betraf. Danach folgten Schwindel mit 9,8 Prozent und Schläfrigkeit mit 6,0 Prozent.
Gehen die Nebenwirkungen wieder weg?
Viele mäßige Nebenwirkungen gehen vorüber. Weil sie mit der Dosis an THC zunehmen, wird langsam und ärztlich begleitet gesteigert.
Kann medizinisches Cannabis eine Psychose auslösen?
Selten ja. Halluzinationen wurden in der Erhebung des BfArM bei 0,7 Prozent, Wahnvorstellungen bei 0,4 Prozent gemeldet. Solche Symptome sollten sofort ärztlich abgeklärt werden.
Was hilft beim Hyperemesissyndrom durch Cannabis?
Ursächlich hilft nur der Verzicht auf Cannabis. Akut geht es vor allem darum, Flüssigkeit zu ersetzen, heiße Duschen lindern oft die Beschwerden.
Darf ich mit Cannabis auf Rezept Auto fahren?
Während der Eingewöhnung, nach einem Produktwechsel und nach einer Dosissteigerung nicht. Wer Schwindel oder Müdigkeit spürt, darf nicht fahren und keine Maschinen bedienen.
Quellen
- Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Absatz 6 SGB V zur Verschreibung und Anwendung von Cannabisarzneimitteln (6. Juli 2022), Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- Fachinformation Nabiximols, Spray zur Anwendung in der Mundhöhle (Stand April 2026), Fachinfo-Service
- Fachinformation Nabilon Kapseln, Fachinfo-Service
- Fachinformation Cannabidiol 100 mg/ml Lösung zum Einnehmen (Stand Juli 2026), Fachinfo-Service
- THC: Nebenwirkungen bei Cannabis-Therapie (20. Dezember 2024), PTAheute
- Was ist eigentlich das Cannabis-Hyperemesis-Syndrom? (18. August 2025), PTAheute
- Eichhorn D et al.: Cannabisassoziierte Notfälle, Dtsch Arztebl Int 2025; 122: 467-471, Deutsches Ärzteblatt
- Was tun bei Cannabis-Konsumstörung? (12. Dezember 2025), Pharmazeutische Zeitung
- Patientenservice 116117, Kassenärztliche Bundesvereinigung
- Sucht & Drogen Hotline, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
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