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Cannabis bei Spastik durch Multiple Sklerose: Zulassung, Studien und Grenzen

Für Spastik bei Multipler Sklerose ist in Deutschland schon seit 2011 ein Cannabisfertigarzneimittel zugelassen. Die Studienlage ist hier besser als bei den meisten anderen Beschwerden, der Effekt aber begrenzt und nicht bei jedem vorhanden.

Ist Cannabis gegen Spastik bei MS zugelassen?

Ja, in Form eines Mundsprays mit dem Wirkstoff Nabiximols. Es enthält einen Extrakt aus der Cannabispflanze mit THC und Cannabidiol (CBD) in etwa gleichen Anteilen und kam im Juli 2011 in Deutschland auf den Markt. Möglich wurde das durch eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes im Mai 2011, die Cannabis in zugelassenen Fertigarzneimitteln verschreibungsfähig machte.1

Die Zulassung ist eng gefasst. Laut Fachinformation (Stand April 2026) ist das Spray für Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer Spastik aufgrund von MS gedacht, die auf andere antispastische Arzneimittel nicht ausreichend angesprochen haben. Außerdem müssen sie in einem Anfangstherapieversuch eine klinisch erhebliche Besserung zeigen.2 Das Spray ersetzt also keine Standardtherapie, es kommt zusätzlich dazu.

In der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) war Spastik mit 9,6 Prozent der zweithäufigste Grund für eine Cannabisverordnung.3 Seit 1. April 2024 wird das Spray wie andere Cannabisarzneimittel auf normalem Rezept verordnet und ist als Fertigarzneimittel weiter Kassenleistung. Mehr dazu unter Cannabis auf Rezept.

Was empfiehlt die Leitlinie?

Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zur Multiplen Sklerose ordnet Nabiximols als nächsten Schritt nach den klassischen Mitteln ein. Eine Zusammenfassung der Fassung von 2021 beschreibt das Stufenschema so:4

  1. Physiotherapie, zwei bis drei Mal pro Woche, dazu tägliche Übungen zu Hause.
  2. Orale Antispastika wie Baclofen oder Tizanidin, vorsichtig eindosiert.
  3. Reicht das nicht, wird das Mundspray mit Nabiximols ergänzt.
  4. Bei Unverträglichkeit oder anhaltenden Beschwerden können andere Cannabinoide erwogen werden.
  5. Für örtlich begrenzte oder sehr schwere Spastik folgen Verfahren wie Botulinumtoxin oder Baclofen über eine Pumpe ins Nervenwasser.

Die Leitlinie wird inzwischen als lebende Leitlinie fortlaufend aktualisiert, die vierte Aktualisierung erschien im Mai 2026.5 Ob sich am Spastikkapitel etwas geändert hat, konnten wir nicht prüfen, weil uns nur Berichte über die Neuerungen in anderen Kapiteln vorlagen.

Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) und die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) sprachen sich im März 2023 dafür aus, bei Spastik durch MS das Mundspray anderen Cannabisprodukten vorzuziehen, weil es wissenschaftlich erprobt ist. Dronabinol, Nabilon und Vollextrakte sollten im Einzelfall möglich sein. Bei Blüten raten beide zur Zurückhaltung, unter anderem wegen Missbrauchsgefahr und möglicher Schäden an der Lunge.6

Was bedeutet das Responderkonzept?

Nicht jeder spricht auf das Spray an, deshalb gibt es einen festen Prüfpunkt. Nach vier Wochen Behandlung soll die Ärztin oder der Arzt das Ansprechen bewerten. Als Mindestbesserung gelten 20 Prozent auf einer Skala von 0 bis 10, auf der Betroffene ihre Spastik selbst einschätzen. Wird diese Schwelle nicht erreicht, soll die Behandlung beendet werden.2

Die Schwelle stammt aus den Zulassungsstudien. Eine nachträgliche Auswertung zeigte, dass eine Besserung um 20 Prozent nach vier Wochen gut vorhersagt, wer später eine Besserung um mindestens 30 Prozent erreicht.2 Nach Angaben aus der Fachliteratur erfüllt etwa die Hälfte der Behandelten dieses Kriterium.7

Der Vierwochentest hat einen praktischen Sinn: Wer nicht profitiert, trägt nicht monatelang Nebenwirkungen ohne Nutzen. Wer anspricht, hat in den Studien über die folgenden Wochen weiter profitiert.

Was zeigen die Studien?

Die Ergebnisse hängen stark davon ab, wie eine Studie aufgebaut war. Das zeigt die Fachinformation, die die Zulassungsstudien zusammenfasst:2

StudieErgebnis
Phase III, 6 Wochen, alle TeilnehmendenUnterschied zu Placebo 0,5 bis 0,6 Punkte auf der Skala von 0 bis 10. Mindestens 30 Prozent Besserung: 40 Prozent mit Spray, 22 Prozent mit Placebo.
Phase III, 14 Wochen, alle TeilnehmendenUnterschied zu Placebo 0,2 Punkte, kein relevanter Effekt.
Phase III mit Vorlaufphase: 572 Teilnehmende, 241 Responder randomisiertUnter Spray blieb die Besserung stabil, unter Placebo kehrten die Beschwerden zurück. Unterschied 0,84 Punkte. Mindestens 30 Prozent Besserung in Woche 16: 74 Prozent mit Spray, 51 Prozent mit Placebo.

Der Cochrane Review von 2022 bündelt 25 Studien mit 3.763 Menschen mit MS, 13 davon zum Mundspray. Sein Ergebnis: Cannabinoide erhöhen wahrscheinlich die Zahl der Betroffenen, die eine deutliche Abnahme ihrer Spastik wahrnehmen (5 Studien, 1.143 Personen), bei moderatem Vertrauen in die Evidenz. Hochwertige Evidenz fanden die Autoren nicht. 15 der Studien hatten Pharmaunternehmen finanziert.8 Auch das allgemeine Wohlbefinden besserte sich wahrscheinlich, die Lebensqualität dagegen kaum oder nicht.9

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2023 kam für die Zusatzbehandlung mit Nabiximols auf eine Verringerung der Spastik um 0,8 bis 1,0 Punkte gegenüber Placebo. Die Autoren nennen das statistisch signifikant, aber von begrenzter klinischer Bedeutung.10 Ein Schweizer Fachbeitrag weist darauf hin, dass in mehreren Studien die ärztlich gemessene Muskelspannung (Ashworth Skala) nicht besser wurde, wohl aber die Selbsteinschätzung der Betroffenen.7

Welche Nebenwirkungen sind bekannt?

Sehr häufig, also bei mehr als einer von zehn behandelten Personen, treten laut Fachinformation Schwindel und Müdigkeit auf, vor allem in der Eindosierungsphase. Häufig sind unter anderem Schläfrigkeit, Gleichgewichtsstörungen, Geschmacksstörungen, Übelkeit, Mundtrockenheit und Stürze.2

Laut Cochrane brechen unter Cannabinoiden etwas mehr Menschen die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab als unter Placebo (21 Studien, 3.110 Personen). Störungen des Nervensystems und psychiatrische Störungen kommen häufiger vor, bei schwerwiegenden Schäden zeigte sich kaum ein Unterschied.9 Das Fahrvermögen kann eingeschränkt sein. Fachleute nennen Suizidgedanken, Schwangerschaft und schwere psychiatrische Erkrankungen als Gründe, auf Präparate mit THC zu verzichten.7 Einzelheiten stehen unter Nebenwirkungen und Cannabis und Führerschein.

Wo liegen die Grenzen?

Cannabis lindert Symptome, es verändert die Krankheit nicht. Eine Studie mit Dronabinol bei über 300 Menschen über 36 Monate fand keinen Einfluss auf das Fortschreiten der MS.7 Für Schmerzen bei MS ist die Datenlage dünn: Ein möglicher Vorteil bei Nervenschmerzen beruht laut Cochrane auf einer einzigen Studie mit 48 Personen.9

Ungeklärt ist auch, wie Blüten oder Vollextrakte im Vergleich zum zugelassenen Spray abschneiden, weil direkte Vergleichsstudien fehlen. KKNMS und DMSG fordern deshalb randomisierte Studien und Patientenregister.6 Wer überlegt, Cannabis gegen Spastik bei MS einzusetzen, bespricht am besten mit der Neurologin oder dem Neurologen, ob die Standardtherapie ausgeschöpft ist und wie der Vierwochentest dokumentiert wird.

Häufige Fragen

Welches Cannabismedikament ist bei Spastik durch MS zugelassen?

Ein Mundspray mit dem Wirkstoff Nabiximols, einem Extrakt mit THC und CBD in etwa gleichen Anteilen. Es ist seit 2011 als Zusatztherapie für mittelschwere bis schwere Spastik zugelassen.

Was passiert, wenn das Spray nach vier Wochen nicht wirkt?

Dann soll die Behandlung laut Fachinformation beendet werden. Als Schwelle gilt eine Besserung der Spastik um mindestens 20 Prozent auf einer Skala von 0 bis 10.

Kann ich das Spray statt Baclofen nehmen?

Nein, es ist nur als Zusatz zugelassen. Voraussetzung ist, dass andere antispastische Mittel nicht ausreichend gewirkt haben.

Bremst Cannabis den Verlauf der Multiplen Sklerose?

Nein. Eine Studie mit Dronabinol über drei Jahre fand keinen Einfluss auf das Fortschreiten der Krankheit. Cannabinoide wirken nur auf Symptome.

Zahlt die Krankenkasse das Spray?

Als zugelassenes Fertigarzneimittel ist es weiter erstattungsfähig. Der Ausschluss seit Juli 2026 betrifft nur Cannabisblüten.

Quellen

  1. Cannabinoide gegen MS-Spastik (30. Mai 2011), Pharmazeutische Zeitung
  2. Fachinformation Nabiximols Spray zur Anwendung in der Mundhöhle (Stand April 2026), Fachinfo-Service
  3. BfArM-Begleiterhebung: Rx-Cannabis wohl auch zum Kiffen auf Rezept missbraucht (6. Juli 2022), Pharmazeutische Zeitung
  4. MS-induzierte Spastik: leitliniengerechte Therapie (Stand 13. Juli 2021), Gelbe Liste
  5. Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose aktualisiert (5. Mai 2026), Deutsches Ärzteblatt
  6. Hintergrundinformationen zu Cannabis bei MS, Pressetext KKNMS und DMSG (27. März 2023), Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose
  7. Cannabis in der Behandlung der Spastik und anderer Symptome der Multiplen Sklerose (Ausgabe 5/2023), Psychiatrie + Neurologie, Rosenfluh
  8. Cannabis und Cannabinoide für Menschen mit Multipler Sklerose (5. Mai 2022), Cochrane
  9. Cannabinoide bei Multipler Sklerose: Was können sie bewirken? (10. Mai 2022), Cochrane Österreich
  10. Nabiximols is Efficient as Add-On Treatment for Patients with Multiple Sclerosis Spasticity Refractory to Standard Treatment (25. September 2023), Current Neuropharmacology

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