Medizin
Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie: Stellenwert von Nabilon, Dronabinol und THC
Viele Menschen fürchten Übelkeit und Erbrechen als Folge einer Chemotherapie besonders. Moderne Antiemetika verhindern beides oft, und wenn sie das nicht schaffen, kommen Cannabinoide als zusätzliche Möglichkeit infrage.
Wie wird Übelkeit bei Chemotherapie heute behandelt?
Vorbeugend und nach dem Risiko der jeweiligen Chemotherapie. Nach der Onkopedia Leitlinie zur Antiemese kombinieren Ärztinnen und Ärzte bei stark brechreizauslösenden Infusionen drei Wirkstoffgruppen, nämlich einen NK1 Rezeptorantagonisten, einen 5HT3 Rezeptorantagonisten und Dexamethason, optional ergänzt um Olanzapin. Bei geringem Risiko wird meist nicht vorgebeugt, Medikamente gibt es dann bei Bedarf.1
Cannabinoide stehen in diesem Schema nicht an erster Stelle. Gestützt auf die Onkopedia Leitlinie zählt die Pharmazeutische Zeitung sie wie das Antihistaminikum Dimenhydrinat zu den Reserveantiemetika.1 Sie kommen also infrage, wenn die leitliniengerechte Vorbeugung nicht reicht. Laut einem Kongressbericht der Ärzte Zeitung trifft das auf knapp 20 Prozent der Patientinnen und Patienten unter stark brechreizauslösender Therapie zu.2
Unter den Verordnungen von Cannabis machen solche Fälle wenig aus. In der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) waren Übelkeit und Erbrechen nur in 2,2 Prozent der Fälle der Grund für die Verordnung.3
Was ist Nabilon und für wen ist es zugelassen?
Nabilon ist ein vollsynthetischer Abkömmling von THC und seit Januar 2017 in Deutschland als Fertigarzneimittel auf dem Markt. Die Zulassung gilt für erwachsene Krebspatienten mit Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie, die auf andere Antiemetika nicht ausreichend ansprechen. Neue Zulassungsstudien brauchte es dafür nicht, denn in Ländern wie Österreich, Großbritannien und den USA war Nabilon schon lange im Einsatz.4
Anders als andere Cannabisarzneimittel steht Nabilon weiter im Betäubungsmittelgesetz und braucht ein Betäubungsmittelrezept. Weil es missbraucht werden kann, soll die Behandlung nur so lange dauern wie nötig, meist wenige Tage rund um die Chemotherapie.4 Eine Toleranz kann sich rasch entwickeln, klingt aber wieder ab.5
Dronabinol, also reines THC, gibt es in Deutschland nicht als zugelassenes Fertigarzneimittel gegen Übelkeit. Verordnet wird es als Rezeptur, bei Übelkeit unter Chemotherapie in der Regel höher dosiert als zur Appetitanregung.6 Nabilon und Dronabinol bleiben Kassenleistung, denn die Änderungen vom Juli 2026 betreffen nur Blüten. Einzelheiten unter Cannabis auf Rezept.
Wie gut wirken Cannabinoide im Vergleich?
Besser als Placebo, gegenüber älteren Standardmitteln aber ohne klaren Vorteil. Der Cochrane Review von 2015 wertete 23 randomisierte Studien aus, die fast alle aus den Jahren 1975 bis 1991 stammen. Mit heute üblichen Mitteln wie Ondansetron verglich keine davon die Cannabinoide.7
| Vergleich | Ergebnis laut Cochrane |
|---|---|
| Cannabinoide gegen Placebo | Häufiger frei von Übelkeit und Erbrechen (3 Studien, 288 Personen, moderate Evidenz). Häufiger frei von Erbrechen (geringe Evidenz). |
| Cannabinoide gegen Prochlorperazin, ein älteres Antiemetikum | Kein klarer Unterschied bei Übelkeit, Erbrechen oder beidem. |
| Cannabinoide zusätzlich zu einem Antiemetikum | Kein Unterschied in zwei kleinen Studien mit 141 Personen. |
| Bevorzugung durch Betroffene | In mehreren Studien zogen Teilnehmende Cannabinoide vor (geringe Evidenz). |
Nach Ansicht der Autoren könnten Cannabinoide bei Übelkeit helfen, die auf Standardmittel nicht anspricht. Methodische Schwächen und veraltete Therapieschemata machten diesen Schluss aber unsicher, und neuere Forschung dürfte ihn ändern.7
Was ist über Dronabinol aus der Praxis bekannt?
Es gibt vor allem Beobachtungsdaten. 2008 stellte der österreichische Palliativmediziner Rudolf Likar eine Beobachtungsstudie mit 70 Krebspatienten vor, die trotz starker Opioide und mindestens zwei Antiemetika unter Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit litten. Nach zehn Tagen mit Dronabinol sank der Anteil mit starker morgendlicher Übelkeit von 25 auf 10 Prozent, der Anteil mit starkem Erbrechen von 15 auf 5 Prozent. Zum Abend hin ließ die Wirkung der Morgendosis nach, und der Effekt auf die abendliche Übelkeit war statistisch nicht gesichert.8
Ein Wirksamkeitsnachweis sind solche Zahlen aus dem Alltag nicht. Ohne Vergleichsgruppe lässt sich nicht trennen, was Dronabinol bewirkt hat und was sich auch so gebessert hätte. Außerdem ging es um Übelkeit in der Palliativsituation, die nicht ausschließlich von einer Chemotherapie kam.
Gibt es neuere Studien?
Wenige, darunter eine australische Studie mit einer Kapsel aus THC und CBD im Verhältnis eins zu eins. In der Pilotphase bekamen 81 Krebspatienten, denen in früheren Zyklen trotz Vorbeugung übel gewesen war, zusätzlich zur Standardprophylaxe das Präparat oder Placebo.9 Ganz ohne Übelkeit und Erbrechen blieben 25 Prozent mit dem Extrakt und 14 Prozent mit Placebo. Sediert waren 19 gegenüber 4 Prozent, schwindlig 14 gegenüber 1 Prozent.10 Die Ergebnisse erschienen 2020 in Annals of Oncology. Eine größere Phase III mit 152 Teilnehmenden ist abgeschlossen, ihre Ergebnisse konnten wir nicht prüfen.9
Der Effekt war also vorhanden, aber begrenzt. Etwa eine von zehn behandelten Personen bekam ihre Beschwerden so zusätzlich in den Griff, die Mehrheit profitierte nicht vollständig.
Was empfehlen die Leitlinien?
Die S3 Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer Patienten, 2024 um ein Kapitel zu Cannabinoiden erweitert, formuliert vorsichtig. THC mit CBD könne erwogen werden, wenn übliche Antiemetika bei Chemotherapie nicht ausreichend wirken.11 Das passt zur Zulassung von Nabilon und mit der Einordnung als Reservemittel in der Onkopedia Leitlinie.1
Die S3 Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen Patienten aus dem Leitlinienprogramm Onkologie behandelt Übelkeit und Erbrechen durch Tumortherapie ausführlich.12 Den genauen Wortlaut ihrer Empfehlung zu Cannabinoiden und den Empfehlungsgrad konnten wir für diesen Beitrag nicht einsehen, deshalb geben wir sie nicht wieder.
Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?
Vor allem mit Wirkungen auf Kopf und Kreislauf. Im Cochrane Review traten unter Cannabinoiden häufiger Schwindel, Sedierung, Dysphorie und Euphorie auf als unter Prochlorperazin. Gegenüber Placebo kam ein Rauschgefühl deutlich häufiger vor, und mehr Menschen brachen wegen Nebenwirkungen ab.7
Für Nabilon nennt die Pharmazeutische Zeitung Schläfrigkeit, Schwindel, Euphorie oder Dysphorie, Konzentrationsstörungen, Sehstörungen und Gangunsicherheit. Manche Wirkungen halten bis zu 72 Stunden nach der letzten Einnahme an. Oft sinkt der Blutdruck, und der Puls kann steigen. Ältere Menschen und Menschen mit Bluthochdruck oder Herzerkrankungen brauchen deshalb besondere Vorsicht und vor allem bei der ersten Einnahme eine enge Überwachung.4
Nach der Einnahme von Cannabinoiden ist die Fahrtüchtigkeit oft eingeschränkt. Mehr dazu unter Cannabis und Führerschein sowie Nebenwirkungen.
Häufige Fragen
Hilft Cannabis gegen Übelkeit bei Chemotherapie?
In Studien wirkten Cannabinoide besser als Placebo. Sie gelten aber als Reservemittel, wenn die Standardvorbeugung mit modernen Antiemetika nicht ausreicht.
Welches Cannabinoid ist gegen Übelkeit bei Chemotherapie zugelassen?
Nabilon, ein synthetischer Abkömmling von THC, seit Januar 2017. Es ist für Erwachsene zugelassen, die auf andere Antiemetika nicht ausreichend ansprechen, und braucht ein Betäubungsmittelrezept.
Sind Cannabinoide besser als normale Mittel gegen Übelkeit?
Nach dem Cochrane Review nicht klar. Gegenüber dem älteren Antiemetikum Prochlorperazin zeigte sich kein eindeutiger Unterschied, mit heutigen Standardmitteln wurden sie kaum direkt verglichen.
Welche Nebenwirkungen haben Nabilon und Dronabinol?
Häufig sind Schwindel, Schläfrigkeit, Stimmungsveränderungen und ein niedriger Blutdruck. Bei Nabilon können manche Wirkungen bis zu 72 Stunden anhalten.
Kann ich Cannabis zusätzlich zur normalen Vorbeugung nehmen?
In einer australischen Studie wurde eine Kapsel mit THC und CBD zusätzlich zur Standardprophylaxe gegeben und wirkte etwas besser als Placebo. Ob das im Einzelfall sinnvoll ist, entscheidet das onkologische Behandlungsteam.
Quellen
- Übelkeit und Erbrechen verhindern, Seite 3 (23. April 2025), Pharmazeutische Zeitung
- Warum Cannabinoide zur Antiemese bei Krebs (11. Oktober 2019), Ärzte Zeitung
- BfArM-Begleiterhebung: Rx-Cannabis wohl auch zum Kiffen auf Rezept missbraucht (6. Juli 2022), Pharmazeutische Zeitung
- Arzneistoffdaten Nabilon (Stand 30. April 2019), Pharmazeutische Zeitung
- Neueinführungen: Cannabinoid gegen Übelkeit (3. Februar 2017), apotheke adhoc
- Cannabinoide gegen Anorexie (1. April 2015), Pharmazeutische Zeitung
- Cannabinoide bei Chemotherapie induzierter Nausea und Emesis bei erwachsenen Krebspatienten (12. November 2015), Cochrane
- Dronabinol hilft gegen Übelkeit und Erbrechen (28. März 2008), Ärzte Zeitung
- Chemotherapy-induced nausea and vomiting trial, NSW Government, Australien
- Cannabis chemotherapy trial: encouraging phase II results (ASCO 2020), The Limbic
- S3-Leitlinie Komplementärmedizin: Leitlinie mit vier neuen Themen (17. Juni 2024), Pharmazeutische Zeitung
- S3-Leitlinie zur supportiven Therapie bei onkologischen PatientInnen vorgestellt (Dezember 2016), idw Informationsdienst Wissenschaft
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