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Medizin

Cannabis bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust: Krebs, HIV und Palliativmedizin

Appetitlosigkeit und ungewollter Gewichtsverlust belasten viele Menschen mit Krebs, HIV oder einer fortgeschrittenen Erkrankung. Dass Cannabis hungrig macht, ist bekannt. Ob das den Betroffenen messbar hilft, ist eine andere Frage.

Wann kommt Cannabis bei Appetitverlust infrage?

Vor allem bei Krebs, HIV und in der Palliativversorgung. Fachleute trennen reine Appetitlosigkeit von der Kachexie, bei der Fett und Muskelmasse verloren gehen und das Gewicht deutlich sinkt. Auslöser ist meist eine schwere Grunderkrankung wie Krebs, Herzschwäche oder Nierenschwäche, COPD oder AIDS, die eine Entzündungsreaktion im ganzen Körper in Gang setzt.1 Mehr essen allein hält diesen Prozess deshalb oft nicht auf.

In der Versorgung ist das Thema eher klein. In der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) war Appetitverlust mit starkem Gewichtsverlust (Anorexie und Wasting) in 5,1 Prozent der ausgewerteten Fälle der Grund für die Verordnung.2 Mehr Appetit und eine Gewichtszunahme wurden dort häufig als Nebenwirkung gemeldet, teils war das auch so gewollt.3

Was ist Dronabinol und wie wird es verordnet?

Dronabinol ist der Wirkstoff THC in reiner Form. In Deutschland stellt ihn meist die Apotheke als Rezeptur her, etwa als ölige Tropfen oder Kapseln. Der Palliativmediziner Andreas Lübbe beschrieb 2015, dass Dronabinol Appetit und Geschmackserleben anregen und Übelkeit mildern kann.1 Seit 1. April 2024 reicht dafür ein normales Rezept. Auch nach den Änderungen vom Juli 2026 ist Dronabinol weiter Kassenleistung. Wie das abläuft, steht unter Cannabis auf Rezept.

Die häufigste Nebenwirkung ist nach derselben Quelle Schwindel, der mehr als zehn Prozent der Behandelten betrifft. Daneben kommen Müdigkeit, Gedächtnislücken, Sprechstörungen und Stimmungsschwankungen vor. Bei Psychosen, Panikattacken, Depressionen oder Krampfanfällen in der Vorgeschichte gilt Dronabinol als ungeeignet.1

Hilft Dronabinol bei Appetitverlust durch Krebs?

Ein wenig beim Appetit, kaum beim Gewicht. Die größte direkte Vergleichsstudie erschien 2002 und stammt von der Mayo Clinic. Darin erhielten 469 Menschen mit unheilbarer Krebserkrankung und Appetitverlust oder Gewichtsverlust Dronabinol, das Hormonpräparat Megestrolacetat oder beides.4

BehandlungAppetit gesteigertGewicht um 10 Prozent gestiegen
Megestrolacetat75 Prozent11 Prozent
Dronabinol49 Prozent3 Prozent
Beides kombiniert66 Prozent8 Prozent

Dronabinol schnitt signifikant schlechter ab als Megestrolacetat, und die Kombination brachte keinen Zusatznutzen. Allerdings fehlte der Studie ein klares Studienende, und warum Teilnehmende abbrachen, blieb offen.4 Weil es keine Placebogruppe gab, zeigt sie allein auch nicht, wie viel Dronabinol im Vergleich zu gar keiner Behandlung bringt.

Dafür braucht es Übersichtsarbeiten. Eine Metaanalyse von 2022 im Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle wertete zehn Studien zur Tumorkachexie aus, darunter vier randomisierte. Für den Appetit fand sie keinen Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe (Evidenz sehr gering), für das Gewicht ebenfalls keinen (Evidenz gering). Die Lebensqualität war unter Cannabinoiden etwas schlechter, hier war die Evidenz moderat.5 Ähnlich fiel 2017 eine chilenische Auswertung von zehn Reviews aus. Danach haben Cannabinoide vermutlich keinen Effekt auf den Appetit, ob sie das Gewicht steigern, ist unklar, und unerwünschte Wirkungen sind wahrscheinlich häufig.6

Viele Betroffene berichten, dass sie unter Cannabis mehr Hunger haben, und Beobachtungsstudien ohne Vergleichsgruppe zeigen das auch.5 Kontrollierte Studien konnten es bisher nicht sicher bestätigen.

Wie sieht es bei HIV und AIDS aus?

Die Daten sind wenige und alt. Der Cochrane Review zu Cannabis bei HIV und AIDS fand sieben kurze randomisierte Studien, die 21 bis 84 Tage dauerten. Nur eine davon prüfte Dronabinol. Von ihren 139 Teilnehmenden waren 88 auswertbar, sie nahmen unter Dronabinol im Mittel 0,1 Kilogramm zu und unter Placebo 0,4 Kilogramm ab. Eine Zunahme um mindestens zwei Kilogramm war unter Dronabinol etwa doppelt so wahrscheinlich, statistisch gesichert war dieser Unterschied aber nicht.7

Für Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabis und Cannabinoiden fehlen in diesem Bereich Belege, halten die Autorinnen und Autoren fest, auch wenn manche Arzneimittelbehörden Dronabinol zugelassen haben. Langzeitdaten zu Erkrankung und Sterblichkeit gebe es nicht.7 Nach der deutschen Zusammenfassung des Reviews stammt der mögliche Gewichtsvorteil aus einer einzigen kleinen Studie, die noch vor der breiten Verfügbarkeit antiretroviraler Therapien lief.8 Auf die heutige Behandlung lässt sich das nur begrenzt übertragen.

Warum gehen die Einschätzungen so weit auseinander?

Weil Erfahrung am Krankenbett und Studienergebnisse hier nicht zusammenpassen. Lübbe sprach 2015 von einer hohen Evidenz für Dronabinol beim Kachexiesyndrom und forderte mehr Mut zum Einsatz in der Palliativmedizin,1 ohne konkrete Studien zu nennen. Systematische Übersichtsarbeiten, die alle verfügbaren kontrollierten Studien zusammenführen, bewerten die Evidenz dagegen als sehr gering bis gering und finden keinen sicheren Vorteil.56

Die Begleiterhebung löst den Widerspruch nicht auf. Rund drei Viertel der Behandelten berichteten dort von besseren Beschwerden, doch ohne Vergleichsgruppe sieht auch das BfArM darin keinen Wirksamkeitsbeleg.2 Bei einem Symptom wie Appetit, das stark von Stimmung, Erwartung und Tagesform abhängt, wiegt der fehlende Placebovergleich besonders schwer.

Was sagen die Leitlinien?

Sie bleiben zurückhaltend. Im Leitlinienprogramm Onkologie bekam die S3 Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer Patienten 2024 ein eigenes Kapitel zu Cannabinoiden. Für Appetitverlust und Kachexie spricht sie weder eine Empfehlung für noch gegen THC allein oder THC mit CBD aus.9 Bei Übelkeit unter Chemotherapie und bei Tumorschmerz formuliert sie dagegen eine vorsichtige Kannempfehlung, mehr dazu unter Übelkeit bei Chemotherapie.

Die S3 Leitlinie Palliativmedizin und die Onkopedia Leitlinie zur Tumorkachexie konnten wir für diesen Beitrag nicht im Wortlaut einsehen, ihre Empfehlungen zu Cannabinoiden geben wir deshalb nicht wieder. Beide sind über das Leitlinienprogramm Onkologie und die Fachgesellschaft DGHO zu finden.

Für wen kann ein Versuch trotzdem sinnvoll sein?

Studienlage und Einzelfall sind hier auseinanderzuhalten. Geht es in der Palliativversorgung um etwas mehr Freude am Essen und weniger um Gewichtszunahme, kann ein zeitlich begrenzter Versuch eine Überlegung wert sein. Lübbe beschreibt Cannabinoide als einen Baustein der medikamentösen Behandlung von Appetitlosigkeit.1 In kontrollierten Studien belegt ist ein solcher Nutzen nicht, und die Metaanalyse von 2022 fand schlechtere Werte zur Lebensqualität, was zur Vorsicht mahnt.5

Vorher sollte mit dem Behandlungsteam feststehen, woran sich ein Erfolg zeigen soll. Bleibt er aus, sollte die Behandlung enden. Ältere und geschwächte Menschen vertragen Schwindel und Müdigkeit besonders schlecht, weil damit das Sturzrisiko steigt. Hinweise zu Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten finden Sie unter Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

Häufige Fragen

Macht Cannabis bei Krebs wieder Appetit?

Bei manchen Menschen ja, in Studien aber seltener als erwartet. In einer Studie mit 469 Krebspatienten berichteten 49 Prozent unter Dronabinol von mehr Appetit, unter Megestrolacetat 75 Prozent.

Nimmt man mit Dronabinol zu?

Kaum messbar. In der genannten Studie legten nur 3 Prozent unter Dronabinol zehn Prozent an Gewicht zu, und Übersichtsarbeiten fanden keinen sicheren Gewichtsvorteil gegenüber Placebo.

Hilft Cannabis bei Gewichtsverlust durch HIV?

Belege fehlen. Der Cochrane Review fand nur wenige kurze Studien, in der Studie zu Dronabinol war der Gewichtsunterschied zu Placebo statistisch nicht gesichert.

Empfehlen Leitlinien Cannabis gegen Appetitlosigkeit?

Die S3 Leitlinie Komplementärmedizin in der Onkologie spricht zu Cannabinoiden bei Appetitverlust weder eine Empfehlung dafür noch dagegen aus. Eine klare Empfehlung für Cannabis ist uns aus deutschen Leitlinien nicht bekannt.

Zahlt die Krankenkasse Dronabinol?

Dronabinol ist weiterhin Kassenleistung, wenn die Voraussetzungen nach § 31 Absatz 6 SGB V erfüllt sind. Ausgeschlossen wurden im Juli 2026 nur Cannabisblüten.

Quellen

  1. Cannabinoide gegen Anorexie (1. April 2015), Pharmazeutische Zeitung
  2. BfArM-Begleiterhebung: Rx-Cannabis wohl auch zum Kiffen auf Rezept missbraucht (6. Juli 2022), Pharmazeutische Zeitung
  3. Cannabis als Medizin: Ergebnisse der Begleiterhebung des BfArM (Ausgabe 10/2022), Der Arzneimittelbrief
  4. Jatoi et al. 2002: Dronabinol versus Megestrolacetat bei krebsassoziierter Anorexie, Studienzusammenfassung, CAMIH, Universitätsklinikum Jena
  5. Simon et al.: Cannabinoid interventions for improving cachexia outcomes in cancer (Februar 2022), Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle
  6. Are cannabinoids an alternative for cachexia-anorexia syndrome in patients with advanced cancer? (2017), Medwave, Epistemonikos
  7. The medical use of cannabis for reducing morbidity and mortality in patients with HIV/AIDS, Abstract (2013), Cochrane Library
  8. Medizinischer Einsatz von Cannabis bei Menschen mit HIV/AIDS, deutsche Zusammenfassung, Cochrane
  9. S3-Leitlinie Komplementärmedizin: Leitlinie mit vier neuen Themen (17. Juni 2024), Pharmazeutische Zeitung

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