Medizin
Cannabis bei chronischen Schmerzen: Was Studien und Leitlinien sagen
Wer in Deutschland Cannabis auf Rezept bekommt, hat meist chronische Schmerzen. Was die Forschung dazu tatsächlich zeigt, unterscheidet sich stark je nach Schmerzart und fällt insgesamt nüchterner aus als der Ruf.
Wie oft wird Cannabis gegen Schmerzen verordnet?
Schmerz ist mit großem Abstand der wichtigste Anlass. In der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die von 2017 bis 2022 lief, wurden 76,4 Prozent der ausgewerteten Patientinnen und Patienten wegen chronischer Schmerzen behandelt. Am häufigsten kam Dronabinol zum Einsatz (62,2 Prozent), gefolgt von Blüten (16,5 Prozent) und Extrakten (13 Prozent).1 Die Betroffenen waren im Schnitt 57 Jahre alt und wegen ihrer Beschwerden bereits rund acht Jahre in Behandlung.
Diese Zahlen sagen viel über den Versorgungsalltag, aber nichts darüber, ob Cannabis wirkt. Dafür braucht es Studien mit Vergleichsgruppe. Die wichtigsten davon fassen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration zusammen, die Ergebnisse unterscheiden sich je nach Schmerzart deutlich.
Hilft Cannabis bei Nervenschmerzen?
Belastbar belegt ist das nicht. Der aktualisierte Cochrane Review zu chronischen neuropathischen Schmerzen, veröffentlicht am 19. Januar 2026, wertete 21 Studien mit 2.187 Erwachsenen aus. Die Studien dauerten zwei bis 26 Wochen, zwei Drittel davon finanzierten Pharmaunternehmen.2
- Präparate mit überwiegend THC: Ob mehr Menschen eine Schmerzlinderung um mindestens 30 oder 50 Prozent erreichen, ist unklar. Schwindel und ähnliche Wirkungen auf das Nervensystem nehmen möglicherweise leicht zu.
- Kombinationen aus THC und CBD: Sie erhöhen möglicherweise leicht den Anteil derer mit mindestens 30 Prozent Linderung. Möglicherweise brechen aber auch mehr Menschen die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab.
- Präparate mit überwiegend CBD: Ein Effekt ist nicht bekannt.
Das Vertrauen in diese Ergebnisse bewerten die Autorinnen und Autoren als gering bis sehr gering. Ihr Schluss: Es ist unklar, ob cannabisbasierte Medikamente bei Nervenschmerzen mehr nutzen oder schaden.2 In der Mitteilung zum Review heißt es, die kleinen Verbesserungen unter THC und CBD seien zu gering, um für Betroffene spürbar ins Gewicht zu fallen. Mitautor Winfried Häuser fordert größere Studien mit mindestens zwölf Wochen Behandlungsdauer.3
Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zu neuropathischen Schmerzen (Stufe S2k, Fassung von 2019) empfiehlt Cannabinoide nicht allgemein. Begründet wird das mit eher geringer Wirksamkeit und hoher Nebenwirkungsrate. Nur im Einzelfall, wenn andere Schmerztherapien versagt haben, kann ein Einsatz außerhalb der Zulassung in einem multimodalen Konzept erwogen werden.4 Als erste Wahl nennt die Leitlinie bestimmte Antikonvulsiva und Antidepressiva.5 Ihre Gültigkeit war bis April 2024 angegeben, eine überarbeitete Fassung konnten wir bis Redaktionsschluss nicht finden.
Was bringt Cannabis bei Tumorschmerzen?
Nach heutiger Studienlage wenig, wenn Opioide nicht ausreichen. Der Cochrane Review zu Krebsschmerzen vom Juni 2023 umfasst 14 Studien mit 1.823 Personen. Studien zu Cannabisblüten waren nicht darunter.6
Am besten untersucht ist ein Mundspray mit THC und CBD bei Menschen, deren Schmerzen trotz Opioiden mittelstark bis stark blieben. Eine starke Besserung erlebten 32 von 100 Personen mit dem Spray und 23 von 100 mit Placebo. Wegen Nebenwirkungen brachen 19 von 100 mit Spray ab, unter Placebo 16 von 100. Die Autoren werten das Spray als wahrscheinlich nicht besser als Placebo, bei moderatem Vertrauen in die Evidenz. Für CBD als Zusatz zur Palliativversorgung fand sich möglicherweise kein Nutzen.6
Etwas offener formuliert es die Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Onkologie (Stufe S3), die 2024 ein Kapitel zu Cannabinoiden erhielt: THC und CBD können ergänzend bei Patientinnen und Patienten unter Standardtherapie erwogen werden. Allein lindern sie Krebsschmerzen, die nicht auf Opioide ansprechen, nicht.7
Wie sieht die Lage bei Fibromyalgie aus?
Hier ist die Datenbasis besonders schmal. Der Cochrane Review von 2016 fand nur zwei Studien mit zusammen 72 Erwachsenen, beide zum synthetischen Wirkstoff Nabilon und vier bis sechs Wochen lang. Nabilon linderte Schmerz, Schlafprobleme und Erschöpfung nicht besser als Placebo oder das Antidepressivum Amitriptylin, mehr Teilnehmende brachen wegen Nebenwirkungen ab. Das Vertrauen in diese Ergebnisse ist sehr gering.8
Die Leitlinie der AWMF zum Fibromyalgiesyndrom spricht deshalb eine negative Empfehlung aus: Cannabinoide sollten nicht empfohlen werden, im starken Konsens. Winfried Häuser, Sprecher der Leitliniengruppe, hat erläutert, dass eine negative Empfehlung die Mehrheit betrifft, nicht jeden Einzelfall. Bei schweren Verläufen, in denen Standardtherapien ausgeschöpft sind, hält er einen individuellen Heilversuch für vertretbar.9
Gibt es Belege bei chronischen Rückenschmerzen?
Seit 2025 gibt es eine große Studie mit positivem Ergebnis. In einer Studie der Phase III, veröffentlicht in Nature Medicine, erhielten 820 Erwachsene mit chronischem Kreuzschmerz zwölf Wochen lang einen oralen Vollspektrumextrakt aus Cannabis oder ein Placebo. Die Schmerzen sanken auf einer Skala von 0 bis 10 im Mittel um 1,9 Punkte unter dem Extrakt und um 0,6 Punkte unter Placebo.10
Nebenwirkungen meldeten 83,3 Prozent der Teilnehmenden mit Extrakt und 67,3 Prozent mit Placebo, meist leicht bis mittelschwer, etwa Schwindel, Schläfrigkeit und Übelkeit. Hinweise auf Missbrauch, Abhängigkeit oder Entzugssymptome fanden die Forschenden nicht.11 Unabhängige Fachleute lobten die Qualität der Studie, betonten aber, dass es sich um eine einzelne Untersuchung handelt. Im Juni 2026 wurde das Präparat in Deutschland als Fertigarzneimittel gegen chronische Kreuzschmerzen zugelassen.12 Zu anderen Cannabisarzneimitteln, etwa Blüten, lassen sich aus dieser Studie keine Schlüsse ziehen.
Warum brechen viele Patienten die Therapie ab?
Meist, weil die Wirkung ausbleibt. Im Abschlussbericht der Begleiterhebung endeten 31,6 Prozent der Behandlungen vor Ablauf eines Jahres. Als Gründe nannten die Ärztinnen und Ärzte fehlende Wirkung (38,5 Prozent), Nebenwirkungen (25,9 Prozent) und den Tod der Patientin oder des Patienten (20,2 Prozent).1 Eine Zwischenauswertung von 2019, die nur Schmerzpatienten betrachtete, kam auf ähnliche Muster: Von 3.138 Betroffenen hatten 1.179 abgebrochen, 44,8 Prozent davon wegen unzureichender Wirkung und 31 Prozent wegen Nebenwirkungen.13
| Häufigste Nebenwirkungen bei Schmerzpatienten (Zwischenauswertung 2019) | Anteil |
|---|---|
| Müdigkeit | 16,3 Prozent |
| Schwindel | 12,5 Prozent |
| Übelkeit | 7,4 Prozent |
| Schläfrigkeit | 7 Prozent |
| Aufmerksamkeitsstörungen | 6,4 Prozent |
| Mundtrockenheit | 5,9 Prozent |
In rund 75 Prozent der Fälle berichteten die Behandelnden im Abschlussbericht von einer Verbesserung der Beschwerden. Das BfArM betont jedoch, dass sich daraus kein Wirksamkeitsbeleg ableiten lässt, weil der Placeboeffekt ohne Vergleichsgruppe nicht einzuschätzen ist.1 Die Deutsche Schmerzgesellschaft hält die Erhebung für nicht repräsentativ: 52 Prozent der Daten kamen von Anästhesisten, Hausärzte als Hauptverordner waren unterrepräsentiert.14
Mehr zu typischen Nebenwirkungen und zum Risiko einer Abhängigkeit lesen Sie unter Nebenwirkungen und Abhängigkeit.
Wie ordnen Fachgesellschaften das ein?
Die Deutsche Schmerzgesellschaft stellte 2021 fest, dass es in hochwertigen Studien nach wie vor keinen sicheren Wirkungsnachweis gebe, und sprach sich gegen einen breiten Einsatz aus.15 Nach dem Abschlussbericht der Begleiterhebung forderte sie 2022, dass spezialisierte Ärztinnen und Ärzte Cannabis bei ausgewählten Schmerzpatienten und in der Palliativmedizin ohne bürokratische Hürden verschreiben können. Eine Ausweitung der Indikationen solle über die üblichen Zulassungsverfahren laufen.14
Deutlich positiver bewertete die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) die Studien in ihrer Praxisleitlinie von 2018. Sie ordnete chronischen, neuropathischen und Tumorschmerz dem höchsten Evidenzgrad A zu.16 Diese Einstufung steht im Widerspruch zu den späteren Cochrane Reviews, die für dieselben Schmerzarten nur geringe Evidenz sehen. Der Unterschied liegt vor allem in der Methodik: Cochrane bewertet zusätzlich, wie verlässlich und klinisch bedeutsam die Effekte sind.
Für Betroffene heißt das: Ein Therapieversuch kann sinnvoll sein, wenn etablierte Behandlungen ausgeschöpft sind. Er sollte zeitlich begrenzt sein und gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt anhand klarer Kriterien bewertet werden. Wie die Verordnung abläuft, erklärt der Beitrag Cannabis auf Rezept.
Häufige Fragen
Ist Cannabis bei chronischen Schmerzen wirksam?
Das hängt von der Schmerzart ab. Bei Nervenschmerzen, Tumorschmerz und Fibromyalgie ist ein Nutzen laut Cochrane nicht belastbar belegt. Für chronischen Kreuzschmerz zeigte eine große Studie von 2025 einen messbaren Effekt eines oralen Extrakts.
Empfehlen Leitlinien Cannabis gegen Schmerzen?
Nur eingeschränkt. Die neurologische Leitlinie zu Nervenschmerzen sieht Cannabinoide nur als Einzelfallversuch, wenn andere Therapien versagt haben. Die Fibromyalgieleitlinie rät ab.
Warum brechen so viele Schmerzpatienten die Cannabistherapie ab?
In der Begleiterhebung des BfArM endeten 31,6 Prozent der Behandlungen vor Ablauf eines Jahres. Der häufigste Grund war fehlende Wirkung, gefolgt von Nebenwirkungen.
Hilft CBD allein gegen Schmerzen?
Belege dafür fehlen. Der Cochrane Review zu Nervenschmerzen fand für Präparate mit überwiegend CBD keinen bekannten Effekt, bei Krebsschmerzen brachte CBD als Zusatz zur Palliativversorgung möglicherweise keinen Nutzen.
Beweist die Begleiterhebung, dass Cannabis wirkt?
Nein. Die Erhebung hatte keine Vergleichsgruppe, deshalb lässt sich der Placeboeffekt nicht abschätzen. Das BfArM selbst schließt einen Wirksamkeitsbeleg daraus aus.
Quellen
- BfArM-Begleiterhebung: Rx-Cannabis wohl auch zum Kiffen auf Rezept missbraucht (6. Juli 2022), Pharmazeutische Zeitung
- Cannabis-basierte Arzneimittel bei chronischen neuropathischen Schmerzen bei Erwachsenen (19. Januar 2026), Cochrane
- No clear evidence that cannabis-based medicines relieve chronic nerve pain (19. Januar 2026), Cochrane
- Stufenbasiert therapieren: Leitlinie neuropathische Schmerzen (30. Oktober 2019), Pharmazeutische Zeitung
- S2k-Leitlinie Diagnose und nicht interventionelle Therapie neuropathischer Schmerzen (Version 2019, AWMF 030/114), Deutsche Gesellschaft für Neurologie, AWMF
- Cannabis-basierte Medikamente gegen Krebsschmerzen (5. Juni 2023), Cochrane
- S3-Leitlinie Komplementärmedizin: Leitlinie mit vier neuen Themen (17. Juni 2024), Pharmazeutische Zeitung
- Cannabis-Produkte für Patienten mit Fibromyalgie (18. Juli 2016), Cochrane
- Cannabis: Keine Empfehlung bei Fibromyalgiesyndrom (22. August 2018), Ärzte Zeitung
- Cannabis-Extrakt punktet gegen Rückenschmerzen (29. September 2025), Pharmazeutische Zeitung
- Cannabis-Extrakt punktet gegen Rückenschmerzen, Seite 2 (29. September 2025), Pharmazeutische Zeitung
- Cannabis-Medikament gegen Rückenschmerzen erhält Zulassung (11. Juni 2026), Pharmazeutische Zeitung
- BfArM: Cannabis enttäuscht viele Patienten (6. Juni 2019), apotheke adhoc
- Pressemitteilung: Cannabis in der Medizin (8. Juli 2022), Deutsche Schmerzgesellschaft
- Wie gut hilft Cannabis bei chronischen Schmerzen? (20. Oktober 2021), Pharmazeutische Zeitung
- Praxisleitlinie Cannabis: Diese Indikationen sind möglich (12. März 2018), Ärzte Zeitung
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