CannaPharmaWissen zu medizinischem Cannabis

Risiken

Abhängigkeit von Cannabis: wie häufig sie ist und woran man sie erkennt

Cannabis kann abhängig machen, auch wenn es auf Rezept kommt. Wie hoch das Risiko ist, hängt stark davon ab, wie oft, wie viel und ab welchem Alter jemand konsumiert.

Wie häufig ist eine Cannabisabhängigkeit?

Etwa jede hundertste erwachsene Person in Deutschland ist von Cannabis abhängig. Im Epidemiologischen Suchtsurvey 2024 gaben 9,8 Prozent der 18 bis 64 Jahre alten Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert zu haben, hochgerechnet 5,1 Millionen Menschen. Die Kriterien einer Abhängigkeit erfüllten 1,0 Prozent dieser Altersgruppe, rund 515.000 Menschen, die eines Missbrauchs weitere 0,5 Prozent.1 Männer sind häufiger betroffen: 1,2 Prozent erfüllten die Kriterien einer Abhängigkeit, bei Frauen waren es 0,7 Prozent.2

Bezogen auf alle Erwachsenen klingen die Zahlen klein. Aufschlussreicher ist der Blick auf die, die tatsächlich konsumieren. Eine Übersicht im Deutschen Ärzteblatt nannte 2015 ein Lebenszeitrisiko von etwa 9 Prozent für alle Konsumierenden, 17 Prozent bei Beginn im Jugendalter und 25 bis 50 Prozent bei täglichem Gebrauch.3 Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) geht bei regelmäßigem Konsum davon aus, dass jeder Dritte abhängig wird.4 Die Werte unterscheiden sich, weil sie verschiedene Gruppen beschreiben: alle, die je probiert haben, oder nur jene, die regelmäßig konsumieren.

In der Suchthilfe sind cannabinoidbezogene Störungen nach Alkohol der zweithäufigste Anlass für eine Behandlung. 2024 betrafen sie 15,8 Prozent der ambulanten und 10,6 Prozent der stationären Fälle. Die Zahl der ambulanten Betreuungen sank von 26.633 im Jahr 2023 auf 22.231, die der stationären stieg von 3.056 auf 3.430.2

Werden auch Patientinnen und Patienten abhängig?

Ja, das Risiko besteht auch bei ärztlich verordnetem Cannabis. Eine Metaanalyse von 2024 hat 14 Publikationen mit zusammen 3.681 Menschen ausgewertet, die Cannabis medizinisch nutzen. Eine Cannabiskonsumstörung nach dem Diagnosesystem DSM-5 fand sich im Schnitt bei 25 Prozent (Spanne des Vertrauensbereichs 18 bis 33 Prozent). Meist war sie leicht ausgeprägt, am häufigsten waren Toleranz und Entzugssymptome.5

Die Zahl ist mit Vorsicht zu lesen. Die Studien unterschieden sich stark, acht der Stichproben kamen aus den USA und nur eine aus Deutschland. Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass sich medizinischer Gebrauch und Freizeitkonsum in den Daten vermischen. Bei Patienten sind Toleranz und Entzugszeichen außerdem eine erwartbare Folge der Dauertherapie, ob man sie mitzählt, beeinflusst das Ergebnis.5

Für einzelne Präparate fällt die Einschätzung unterschiedlich aus. Die Fachinformation für das Mundspray mit Nabiximols hält eine Abhängigkeit für unwahrscheinlich, weil bei Langzeitanwendung keine Dosissteigerung beobachtet wurde und die berichtete Rauschwirkung gering war. Menschen mit Suchtmittelmissbrauch in der Vorgeschichte könnten aber eher zum Missbrauch neigen.6 Nabilon gilt laut Fachinformation auch in therapeutischer Dosis als potenzielles Suchtmittel, unter anderem wegen möglicher Euphorie.7 Das BfArM sah in seiner Begleiterhebung bei Blüten ein besonderes Risiko: hohe Dosen an THC, ein hoher Männeranteil und ein Durchschnittsalter von 45,5 Jahren. Ärztinnen und Ärzte sollten dort die Gefahr von Missbrauch und Abhängigkeit beachten.8

Woran erkennt man eine Abhängigkeit nach ICD-11?

Die internationale Klassifikation der Krankheiten in ihrer 11. Fassung (ICD-11) beschreibt eine Abhängigkeit über drei Merkmalspaare. Zwei davon müssen erfüllt sein:9

  1. Gestörte Kontrolle über Beginn, Menge, Umstände oder Ende des Konsums, oft verbunden mit starkem Verlangen.
  2. Vorrang des Konsums vor anderen Interessen und Pflichten, häufig trotz Problemen, die er verursacht.
  3. Körperliche Anpassung: Toleranz, also nachlassende Wirkung bei gleicher Menge, Entzugssymptome beim Absetzen oder Konsum, um Entzug zu vermeiden.

In der Regel müssen die Merkmale über mindestens zwölf Monate bestehen. Bei täglichem oder fast täglichem Konsum genügt ein Monat.9 Die ICD-11 fasst damit die sechs Kriterien der Vorgängerversion zu drei Paaren zusammen.

Das amerikanische System DSM-5, auf das sich viele Studien stützen, arbeitet anders. Es zählt elf Merkmale, darunter Craving, aufgegebene Hobbys, Konsum in gefährlichen Situationen, Toleranz und Entzug. Treffen mindestens zwei innerhalb von zwölf Monaten zu, liegt eine Cannabiskonsumstörung vor.10 Wer selbst unsicher ist, kann diese Fragen ehrlich für sich beantworten. Eine Diagnose stellt aber nur eine Ärztin, ein Arzt oder eine Psychotherapeutin.

Bei Patientinnen und Patienten sind Toleranz und leichte Entzugszeichen allein noch kein Beweis für eine Sucht. Hellhörig sollte man werden, wenn die Dosis ohne ärztliche Absprache steigt, wenn Cannabis vor allem zur Entspannung oder für den Rausch genommen wird oder wenn zusätzlich Cannabis aus anderen Quellen dazukommt.

Wie verläuft der Entzug?

Etwa neun von zehn Menschen mit Cannabisabhängigkeit entwickeln beim Absetzen ein Entzugssyndrom. Von einem Syndrom spricht man, wenn mindestens drei von sieben Symptomen auftreten: Reizbarkeit, Nervosität oder Angst, Schlafprobleme, verminderter Appetit, Unruhe, gedrückte Stimmung und mindestens ein körperliches Zeichen wie Schwitzen, Zittern oder Kopfschmerzen.11

Die Beschwerden beginnen meist nach einem Tag, spätestens am zweiten. Schlafprobleme zeigen sich früh, Angst und Reizbarkeit eher später. Bei manchen werden die Symptome in den ersten Tagen stärker und gehen ab dem vierten Tag zurück, bei anderen nehmen sie von Beginn an ab. Nach drei bis vier Wochen ist der Entzug in beiden Fällen weitgehend überstanden, das Verlangen kann aber noch lange zurückkommen. Nur eine Minderheit hat so starke Symptome, dass sie behandelt werden müssen.11

Wer Cannabis auf Rezept nimmt, sollte nicht auf eigene Faust abrupt absetzen, sondern das Vorgehen mit der behandelnden Praxis absprechen. Die Fachinformation für Nabiximols beschreibt nach dem Ende einer Langzeitbehandlung kein einheitliches Entzugsmuster, möglich seien vorübergehende Störungen von Schlaf, Stimmung oder Appetit.6

Welche Behandlung hilft?

Seit Dezember 2025 gibt es eine S3-Leitlinie zu cannabisbezogenen Störungen. Federführend waren die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie, die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und die DGPPN, insgesamt arbeiteten 20 Fachgesellschaften mit.12 Für Erwachsene empfiehlt sie motivierende Gespräche, kognitive Verhaltenstherapie und ergänzend Kontingenzmanagement, bei dem Abstinenz belohnt wird. Bei Jugendlichen kommen Familientherapie und digitale Angebote dazu.4

Ein Medikament gegen Cannabisabhängigkeit ist nicht zugelassen. Für die meisten geprüften Wirkstoffe konnte die Leitlinie keine Empfehlung ableiten. Einzig Gabapentin kann bei ausgeprägten Entzugssymptomen vorübergehend angeboten werden. Fertigarzneimittel mit THC oder Cannabidiol sollen nicht eingesetzt werden, um Rückfälle zu verhindern. Die Qualität der Studien bewerten die Fachleute überwiegend als niedrig oder sehr niedrig.4

Ohne fachliche Hilfe kann sich problematischer Konsum schnell verfestigen, warnt die Leitliniengruppe, und betont: Eine Abhängigkeit ist keine moralische Verfehlung.12 Wie Cannabis bei jungen Menschen wirkt, erklärt der Artikel Cannabis bei Jugendlichen.

Hilfe und Beratung

  • Sucht & Drogen Hotline 01806 313031: täglich von 8 bis 24 Uhr, 0,20 Euro pro Anruf aus Festnetz und Mobilfunk.13
  • Infotelefon zur Suchtvorbeugung des BIÖG 0221 892031: Montag bis Donnerstag 10 bis 22 Uhr, Freitag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, zum Preis eines Festnetzgesprächs. Es vermittelt an Beratungsstellen vor Ort.14
  • Online: Chat und verschlüsselte Beratung per E-Mail bei drugcom.de sowie das Onlineprogramm Quit the Shit für den Ausstieg aus dem Cannabiskonsum. Beide stehen auf der Liste der Beratungsangebote des BIÖG.15
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117 bei akuten Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten, rund um die Uhr.16
  • Notruf 112 bei akuter Lebensgefahr.

Häufige Fragen

Wie viele Menschen sind von Cannabis abhängig?

Laut Epidemiologischem Suchtsurvey 2024 erfüllen 1,0 Prozent der 18 bis 64 Jahre alten Erwachsenen die Kriterien einer Abhängigkeit, rund 515.000 Menschen. Weitere 0,5 Prozent erfüllen die Kriterien eines Missbrauchs.

Kann ich von Cannabis auf Rezept abhängig werden?

Ja. Eine Metaanalyse von 2024 fand bei Menschen, die Cannabis medizinisch nutzen, eine Konsumstörung bei 25 Prozent, meist in leichter Form. Die Studien sind allerdings sehr unterschiedlich und stammen überwiegend aus den USA.

Wie lange dauert ein Cannabisentzug?

Die Symptome beginnen meist am ersten oder zweiten Tag und sind nach drei bis vier Wochen weitgehend vorbei. Das Verlangen kann auch danach noch auftreten.

Gibt es Medikamente gegen Cannabisabhängigkeit?

Zugelassen ist keines. Die S3-Leitlinie empfiehlt vor allem Psychotherapie und motivierende Gespräche; Gabapentin kann bei starken Entzugssymptomen vorübergehend helfen.

Wo bekomme ich Hilfe?

Bei der Sucht & Drogen Hotline unter 01806 313031, beim Infotelefon des BIÖG unter 0221 892031, online bei drugcom.de und Quit the Shit oder in einer Suchtberatungsstelle vor Ort.

Quellen

  1. Cannabis: Zahlen, Daten, Fakten, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
  2. Hoch E et al.: Cannabis, Jahrbuch Sucht 2026, Kapitel 2.6, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
  3. Hoch E et al.: Risiken bei nichtmedizinischem Gebrauch von Cannabis (2015), Deutsches Ärzteblatt
  4. Was tun bei Cannabis-Konsumstörung? (12. Dezember 2025), Pharmazeutische Zeitung
  5. Dawson D et al.: The prevalence of cannabis use disorders in people who use medicinal cannabis, Drug and Alcohol Dependence 2024; 257: 111263, Australian Catholic University (Open Access)
  6. Fachinformation Nabiximols, Spray zur Anwendung in der Mundhöhle (Stand April 2026), Fachinfo-Service
  7. Fachinformation Nabilon Kapseln, Fachinfo-Service
  8. Abschlussbericht der Begleiterhebung zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln (6. Juli 2022), Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
  9. Heinz A et al.: ICD-11: Änderungen der Diagnosekriterien der Substanzabhängigkeit, Der Nervenarzt 2021, Der Nervenarzt (über PubMed Central)
  10. Bin ich abhängig von Cannabis? (Juni 2024), drugcom.de, BIÖG
  11. Ausstieg aus dem Cannabiskonsum: Welche Entzugserscheinungen auftreten können (August 2023), drugcom.de, BIÖG
  12. S3-Leitlinie zu cannabisbezogenen Störungen vorgelegt (11. Dezember 2025), Deutsches Ärzteblatt
  13. Sucht & Drogen Hotline, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
  14. Infotelefon zur Suchtvorbeugung, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
  15. Beratungsangebote, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
  16. Patientenservice 116117, Kassenärztliche Bundesvereinigung

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