Medizin
Cannabis bei ADHS, Schlafstörungen, Angst und Depression: Was Studien und Leitlinien sagen
Manche Menschen fragen wegen psychischer Beschwerden nach Cannabis auf Rezept. Die Studienlage dazu ist dünn, und die Leitlinien raten zu anderen Behandlungen, die besser geprüft sind.
Hilft Cannabis bei psychischen Erkrankungen?
Ein Nutzen von Cannabis bei Depression, Angststörungen, ADHS oder Schlafstörungen ist bislang nicht belegt. 2019 legte das National Drug and Alcohol Research Centre in Sydney eine große Metaanalyse vor, für die das Team 83 Studien aus den Jahren 1980 bis 2018 fand, 40 davon randomisiert und kontrolliert. Im Schnitt besserten sich die Symptome um ein Viertel einer Standardabweichung. Das ist wenig. Die Evidenz für einen Nutzen stuften die Forschenden als niedrig ein. Unter Cannabis traten mehr Nebenwirkungen auf, weshalb auch mehr Teilnehmende abbrachen, und bei Psychosen verschlechterten sich die Symptome teilweise.1
Wie wenig geprüft einzelne Diagnosen sind, zeigt die Aufschlüsselung derselben Arbeit:1
| Diagnose | Studien insgesamt | davon randomisiert und kontrolliert |
|---|---|---|
| Depression | 42 | 23 |
| Angststörungen | 31 | 17 |
| Posttraumatische Belastungsstörung | 12 | 1 |
| Psychosen | 11 | 6 |
| Tourette-Syndrom | 8 | 2 |
| ADHS | 3 | 1 |
Was über ADHS und posttraumatische Belastungsstörung bekannt ist, stammt also aus jeweils einer einzigen kontrollierten Studie. Die Forschenden halten weitere randomisierte Studien für nötig.1
Was ist über Cannabis bei ADHS bekannt?
Zu ADHS gibt es eine einzige kleine randomisierte Studie. 2017 behandelte ein Team des King's College London 30 Erwachsene entweder mit Placebo oder mit einem Mundspray, das THC und CBD zu gleichen Teilen enthält (Nabiximols). In einer Auswertung besserten sich Hyperaktivität und Impulsivität, die kognitive Leistung dagegen nicht. Für Unaufmerksamkeit ergab sich eine Tendenz, die statistisch nicht signifikant war.2 Die Leitungsgruppe des zentralen adhs-netzes wertet dieselbe Studie strenger: Auf die zuvor festgelegten Hauptzielgrößen habe Cannabis keinen positiven Effekt gehabt.3
Das Netz, eine bundesweite Plattform von Fachleuten für ADHS, rät davon ab, Cannabis bei diagnostizierter ADHS als Therapeutikum einzusetzen. Nach seiner Einschätzung überwiegen die Risiken den Nutzen eindeutig. Genannt werden Konsumstörungen, psychotische Symptome, Depression und beeinträchtigte kognitive Leistungen. Für Erwachsene gebe es gut belegte medikamentöse Alternativen.3 Eine systematische Übersicht von 2023 mit 20 Studien hielt die Datenlage für nicht ausreichend. Wer häufiger konsumierte, hatte dort eher stärkere Symptome der ADHS und ein erhöhtes Risiko für eine Cannabisgebrauchsstörung.4
Gut beschrieben ist, dass Menschen mit ADHS häufiger Cannabis konsumieren. Fachleute deuten das zum Teil als Versuch der Selbstbehandlung,3 was über die Wirksamkeit allerdings nichts aussagt.
Verbessert Cannabis den Schlaf?
Nach der besten verfügbaren Auswertung nicht in einem Maß, das Betroffene spüren würden. Über den Cochrane Review berichtete die Pharmazeutische Zeitung im Oktober 2026. Er schloss neun Studien mit 537 Erwachsenen zwischen 18 und 76 Jahren ein, die meisten mit primärer Insomnie. Schlafqualität, Schlafdauer, Zufriedenheit mit dem Schlaf und Leistungsfähigkeit am Tag verbesserten sich unter Cannabis gegenüber Placebo nicht klinisch bedeutsam, Mundtrockenheit und Schwindel kamen deutlich häufiger vor. Wie vertrauenswürdig diese Evidenz ist, bewerteten die Autoren mit sehr gering.5
Die aktualisierte S3 Leitlinie Insomnie bei Erwachsenen von 2025, federführend erstellt von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), empfiehlt allen Betroffenen als erste Behandlung die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I), mit dem höchsten Empfehlungsgrad.6 Medikamente kommen an zweiter Stelle. Cannabis steht laut Pharmazeutischer Zeitung nur in der Liste der Optionen, die künftig stärker untersucht werden könnten, denn eine solide empirische Basis fehlt.5
Was sagen die Leitlinien zu Angst und Depression?
Sie erwähnen Cannabis als Behandlung gar nicht. Die S3 Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen (Stand April 2021) empfiehlt bei Panikstörung, generalisierter Angststörung und sozialer Phobie mit dem höchsten Empfehlungsgrad kognitive Verhaltenstherapie sowie bestimmte Antidepressiva aus den Gruppen der SSRI und SNRI. Cannabis, Cannabidiol oder andere Cannabinoide kommen darin nicht vor.7
In den geprüften Abschnitten der Nationalen Versorgungsleitlinie Unipolare Depression (Version 3.2) tauchen Cannabinoide ebenfalls nicht als Therapie auf. Substanzbezogene Störungen beschreibt sie als häufige Begleiterkrankung, die das Ansprechen auf die Behandlung verschlechtert und Rückfälle wahrscheinlicher macht.8 Die Fachinformation eines Fertigarzneimittels mit Nabilon nennt nach einer Übersicht der Bundesärztekammer psychische Erkrankungen einschließlich Depression sogar als Gegenanzeige.9
Wer wegen Angst, Depression oder Schlafproblemen an Cannabis denkt, sollte zuerst klären lassen, ob die Behandlungen mit dem höchsten Empfehlungsgrad schon versucht wurden. Die gesetzliche Krankenkasse zahlt Cannabis ohnehin nur, wenn es keine geeignete Standardtherapie gibt.
Was zeigen die Verordnungsdaten des BfArM?
In der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte kamen psychiatrische Diagnosen häufiger vor, als die bekannten Hauptzahlen vermuten lassen. Fachleute des BfArM waren an einer Auswertung beteiligt, die 2024 in der Fachzeitschrift Psychiatrische Praxis erschien. Sie analysierte 16.809 Datensätze aus der Zeit vom 30. März 2017 bis 31. Dezember 2021, von denen 5.582 eine psychiatrische Diagnose betrafen.10
Rund 80 Prozent dieser Fälle entfielen auf somatoforme Störungen, also körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung. Auch bei den übrigen psychischen Erkrankungen zielte die Behandlung meist auf Schmerzen. In mehr als der Hälfte der Fälle wurde Dronabinol verordnet. Mindestens 75 Prozent der Fälle bewerteten die behandelnden Ärztinnen und Ärzte als gebessert. Für psychiatrische Indikationen bleibe die Evidenz aus kontrollierten Studien aber schwach, betonen die Autoren.10
Die Aussagekraft dieser ärztlichen Einschätzung ist begrenzt. Die Begleiterhebung hatte keine Vergleichsgruppe und keine Messinstrumente für Symptome, außerdem erfasste sie nur Kassenpatienten, Privatversicherte und Selbstzahler fehlten.11 Bei ADHS wurden besonders oft Blüten verordnet. Menschen mit Blütentherapie waren im Schnitt 45,5 Jahre alt und zu 32,5 Prozent Frauen, die Gesamtgruppe dagegen 57 Jahre alt und zu 54 Prozent weiblich.11 Seit 30. Juli 2026 zahlen die gesetzlichen Kassen keine Blüten mehr, mehr dazu unter Cannabis und Krankenkasse.
Welche Risiken hat Cannabis bei psychischen Erkrankungen?
Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wiegen einige Risiken schwerer als bei anderen. Für ein Mundspray mit THC und CBD nennt die Fachinformation eine Schizophrenie oder andere Psychose in der eigenen oder familiären Vorgeschichte als Gegenanzeige, und bei Psychosen raten Fachleute von einer Verordnung ab.9 Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sieht übereinstimmende Befunde für ein erhöhtes Psychoserisiko bei frühem Konsum und weist darauf hin, dass die Hirnreifung erst in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts abgeschlossen ist.12 Mehr dazu unter Cannabis und Psychose.
Dazu kommt die Gefahr einer Abhängigkeit, die nach Angaben der DGPPN bei regelmäßigem Konsum jede dritte Person trifft. In Deutschland missbrauchen schätzungsweise 1,5 Prozent der Erwachsenen und etwa 2,5 Prozent der Jugendlichen Cannabis oder sind davon abhängig.13 Zur Behandlung einer Cannabisabhängigkeit empfiehlt die S3 Leitlinie motivierende Gespräche und kognitive Verhaltenstherapie; Fertigarzneimittel mit THC oder CBD empfiehlt sie dafür ausdrücklich nicht.13 Menschen mit ADHS konsumieren ohnehin häufiger Cannabis.3
Zu den häufigen Nebenwirkungen in der Begleiterhebung gehörten Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen, euphorische Stimmung und ausgerechnet Depression.11 Wer Antidepressiva, Beruhigungsmittel oder Stimulanzien nimmt, sollte jede Kombination mit Cannabis ärztlich besprechen, siehe Wechselwirkungen.
Wo gibt es Hilfe bei problematischem Konsum?
Das Portal drugcom.de des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG, früher BZgA) bietet anonyme Beratung per Chat und E-Mail. Wer den Cannabiskonsum reduzieren oder beenden will, kann dort das Onlineprogramm Quit the Shit nutzen oder nach Suchtberatungsstellen vor Ort suchen.14 Bei akuten Krisen, Suizidgedanken oder psychotischen Symptomen ist der ärztliche Notdienst oder die nächste psychiatrische Klinik die richtige Anlaufstelle.
Häufige Fragen
Bekommt man Cannabis bei ADHS auf Rezept?
Rechtlich darf jede Ärztin und jeder Arzt Cannabis verordnen. Fachleute des zentralen adhs-netzes raten bei ADHS aber davon ab. Die Kasse zahlt nur, wenn keine geeignete Standardtherapie zur Verfügung steht.
Hilft Cannabis beim Einschlafen?
Ein Cochrane Review mit 537 Teilnehmenden fand keine klinisch bedeutsame Verbesserung von Schlafqualität oder Schlafdauer. Die S3 Leitlinie empfiehlt als erste Behandlung die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie.
Hilft CBD gegen Angst?
Für Angststörungen gibt es keine ausreichenden Belege. Die S3 Leitlinie Angststörungen nennt Cannabinoide nicht, sie empfiehlt Verhaltenstherapie und bestimmte Antidepressiva.
Kann Cannabis eine Depression verschlimmern?
In der Begleiterhebung des BfArM gehörte Depression zu den häufigen Nebenwirkungen, und die Fachinformation eines Fertigarzneimittels mit Nabilon nennt Depression als Gegenanzeige. Ob Cannabis eine bestehende Depression verschlechtert, ist im Einzelfall ärztlich zu beurteilen.
Wo finde ich Hilfe, wenn ich vom Cannabis nicht loskomme?
Das Portal drugcom.de des BIÖG bietet anonyme Beratung per Chat und E-Mail sowie das Programm Quit the Shit. Über das Portal findet man auch Suchtberatungsstellen vor Ort.
Quellen
- Medizinisches Cannabis: Kein sicherer Nutzen bei psychischen Erkrankungen (9. November 2019), apotheke adhoc
- Klinische Studie zur Wirksamkeit von Cannabinoiden bei ADHS, zu Cooper et al., Eur Neuropsychopharmacol 2017;27(8):795-808, DocCheck
- Stellungnahme des zentralen adhs-netzes zum Einsatz von Cannabis als ADHS-Medikation (3. November 2017), zentrales adhs-netz
- Dhamija D et al.: Evaluation of Efficacy of Cannabis Use in Patients With Attention Deficit Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. Cureus 2023;15(6):e40969 (26. Juni 2023), Cureus
- Wenig Evidenz für Cannabis bei Insomnie (13. Oktober 2026), Pharmazeutische Zeitung
- S3-Leitlinie Insomnie bei Erwachsenen, Update 2025, AWMF-Register-Nr. 063-003 (April 2025), Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, AWMF
- S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2, AWMF-Register-Nr. 051-028, Kurzfassung (April 2021), AWMF
- Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2 (2022, geändert 2023), Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien
- FAQ-Liste zum Einsatz von Cannabis in der Medizin (Stand Mai 2017), Bundesärztekammer
- Wülfing F, Schmidt-Wolf G, Cremer-Schaeffer P, Priebe K, Schoofs N: Cannabinoid Drugs in the Treatment of Psychiatric Disorders: Data from the German Federal Institute for Drugs and Medical Devices. Psychiatr Prax 2024;51(6):315-320, Psychiatrische Praxis (PubMed)
- Begleiterhebung zu medizinischem Cannabis: Bedingt aussagekräftig (Ausgabe 29-30/2022), Deutsches Ärzteblatt
- Stellungnahme der DGPPN zum Entwurf eines Gesetzes zum kontrollierten Umgang mit Cannabis (2. November 2023), DGPPN, Deutscher Bundestag
- Was tun bei Cannabis-Konsumstörung? (12. Dezember 2025), Pharmazeutische Zeitung
- drugcom.de: Informations- und Beratungsportal, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
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