Risiken
Cannabis in Schwangerschaft und Stillzeit: was bekannt ist und was Fachleute raten
THC erreicht über den Blutkreislauf der Mutter auch das ungeborene Kind. Wie groß der Schaden ist, lässt sich mangels guter Studien nicht genau beziffern. Die Fachleute raten trotzdem einhellig ab.
Darf man in der Schwangerschaft Cannabis nehmen?
Nein, Fachleute raten davon ab, auch bei ärztlicher Verordnung. Das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie an der Charité in Berlin, kurz Embryotox, empfiehlt, Cannabis auch in therapeutischer Anwendung während Schwangerschaft und Stillzeit zu meiden.1 Gefördert wird Embryotox vom Bundesministerium für Gesundheit und von der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit.2
In der Arzneimitteldatenbank von Embryotox gibt es keinen eigenen Eintrag zu Cannabis, Dronabinol oder Cannabidiol. Die Empfehlung steht im Kapitel zur Schmerztherapie, das stattdessen auf Wirkstoffe wie Paracetamol und Ibuprofen verweist.1 Wer eine Einschätzung im Einzelfall braucht, kann die Beratung des Zentrums nutzen.
Die Psychiaterin Sarah Kittel-Schneider rät in einer Fortbildung zu Psychopharmaka in der Schwangerschaft Frauen mit Kinderwunsch und Schwangeren dringend von Cannabinoiden und Cannabiskonsum ab.3
Was zeigen Studien zu Risiken für das Kind?
Die Studien deuten auf mehrere Risiken hin, sichere Zahlen liefern sie nicht. Kittel-Schneider stützt sich vor allem auf eine Metaanalyse von 2016. Danach haben Kinder von Müttern, die in der Schwangerschaft Cannabis konsumierten, ein höheres Risiko für ein niedriges Geburtsgewicht und müssen häufiger intensivmedizinisch überwacht werden. Die Mütter selbst hatten öfter eine Blutarmut. Im Schulalter fielen bei den Kindern Beeinträchtigungen höherer Hirnfunktionen auf, etwa bei Impulskontrolle, visuellem Gedächtnis und Aufmerksamkeit.3
Eine kanadische Studie von 2020, die in der Deutschen Hebammen Zeitschrift vorgestellt wurde, betrachtete Frauen, die nach eigenen Angaben in der Schwangerschaft nur Cannabis und keine anderen Drogen genommen hatten. Bei ihren Kindern wurde häufiger eine Autismusspektrumstörung diagnostiziert, mit 4,00 Fällen je 1.000 Personenjahre gegenüber 2,42 bei Kindern ohne Kontakt mit Cannabis. Wie viel die Mütter konsumiert hatten, war allerdings nicht erfasst.4
Zurückhaltender äußert sich die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Nach ihrer Darstellung finden einige Studien Hinweise auf ein geringeres Geburtsgewicht und spätere Verhaltensprobleme, andere bestätigen das nicht, und in Joints wird oft Tabak mitgeraucht. Trotzdem rät die DHS, in der Schwangerschaft in jedem Fall auf Cannabis zu verzichten.5
Fast alle Daten stammen von Frauen, die Cannabis als Rauschmittel konsumiert haben, häufig zusammen mit Tabak oder Alkohol. Wie sich ärztlich verordnete, niedriger dosierte Cannabisarzneimittel auswirken, ist kaum untersucht, und fehlende Daten belegen keine Sicherheit.
Was steht in den Fachinformationen?
Die zugelassenen Cannabisarzneimittel enthalten klare Warnhinweise. Das Mundspray mit Nabiximols, ein Extrakt mit THC und Cannabidiol, soll in der Schwangerschaft nicht angewendet werden, außer der Nutzen für die Mutter überwiegt das mögliche Risiko für das Kind. Frauen und Männer im fortpflanzungsfähigen Alter sollen während der Therapie und noch drei Monate danach zuverlässig verhüten.6
Nabilon, ein synthetischer Abkömmling von THC, soll in der Schwangerschaft nur bei zwingender klinischer Notwendigkeit eingesetzt werden.7 Zu reinem Cannabidiol gibt es laut Fachinformation nur sehr begrenzte Daten. Es soll nicht angewendet werden, außer der Nutzen für die Mutter überwiegt eindeutig das Risiko für das Ungeborene. In Tierversuchen zeigte Cannabidiol eine schädliche Wirkung auf die Fortpflanzung.8
| Wirkstoff | Schwangerschaft | Stillzeit |
|---|---|---|
| Nabiximols (THC und Cannabidiol) | Nur wenn der Nutzen das Risiko überwiegt | Kontraindiziert |
| Nabilon | Nur bei zwingender Notwendigkeit | Vor Behandlungsbeginn abstillen |
| Cannabidiol | Vermeiden, außer bei eindeutig überwiegendem Nutzen | Stillen unterbrechen |
Auch die Verhütung ist betroffen. Laut Fachinformation kann das Mundspray mit Nabiximols hormonelle Verhütungsmittel weniger wirksam machen, deshalb wird zusätzlich eine Barrieremethode wie das Kondom empfohlen.6 Weitere Beispiele stehen im Artikel Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln.
Geht THC in die Muttermilch über?
Die Fachinformationen gehen davon aus. Im Tierversuch gingen die Wirkstoffe des Mundsprays mit Nabiximols und ihre Abbauprodukte in die Milch über. Weil ein Risiko für das Kind deshalb nicht auszuschließen ist, ist die Anwendung in der Stillzeit kontraindiziert.6 Bei Cannabidiol fehlen Daten vom Menschen, die Fachinformation hält einen Übergang in die Muttermilch aber für wahrscheinlich und rät, das Stillen während der Behandlung zu unterbrechen.8 Wer Nabilon braucht, soll vor Behandlungsbeginn abstillen.7
Wie viel THC beim Menschen in der Milch ankommt und wie lange es dort nachweisbar bleibt, nennen die von uns ausgewerteten deutschen Quellen nicht. Für Cannabidiol aus frei verkäuflichen Produkten gibt es keine Studien zur Stillzeit; das Verbraucherministerium in Baden-Württemberg rät Schwangeren und Stillenden, darauf zu verzichten.4
Was tun, wenn man mit Cannabis behandelt wird und schwanger werden möchte?
Am besten spricht man schon vor der Schwangerschaft mit der behandelnden Praxis. Dort lässt sich klären, ob es für die Grunderkrankung eine besser untersuchte Alternative gibt. Für Schmerzen in der Schwangerschaft stellt Embryotox eigene Informationen zu einzelnen Wirkstoffen bereit.1
- Früh ansprechen. Den Kinderwunsch in der Praxis nennen, die Cannabis verordnet, und in der gynäkologischen Praxis.
- Verhütung prüfen. Bei Nabiximols zusätzlich zur Pille eine Barrieremethode verwenden, bis eine Entscheidung gefallen ist.
- Nicht abrupt absetzen. Ein Wechsel oder das Beenden der Therapie sollte ärztlich geplant werden, auch wegen möglicher Entzugssymptome. Mehr dazu im Artikel Abhängigkeit und Entzug.
- Embryotox fragen. Wer bereits schwanger ist und Cannabis genommen hat, kann sich dort beraten lassen.
Bei einer ungeplanten Schwangerschaft nach Cannabiskonsum sollte man die Ärztin oder den Arzt informieren, damit die weitere Schwangerschaft gut begleitet wird.
Wie erreicht man die Beratung von Embryotox?
Embryotox berät telefonisch unter 030 450525700, Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr und von 13.30 bis 16 Uhr, mittwochs nur vormittags. An Feiertagen gibt es keine Sprechzeiten. Vorab bittet das Zentrum um einen ausgefüllten Onlinefragebogen, getrennt nach Kinderwunsch, laufender und zurückliegender Schwangerschaft.9
Stillende Mütter berät Embryotox aus Kapazitätsgründen nicht persönlich, sondern verweist an die Kinderarztpraxis, die Gynäkologin, die Hebamme, eine Stillberatung oder die Apotheke.9
Hilfe und Beratung
- Embryotox 030 450525700: Beratung zu Arzneimitteln in der Schwangerschaft, Montag bis Freitag 9 bis 12 Uhr und 13.30 bis 16 Uhr, mittwochs nur vormittags.9
- Sucht & Drogen Hotline 01806 313031: täglich von 8 bis 24 Uhr, 0,20 Euro pro Anruf, wenn es schwerfällt, mit dem Konsum aufzuhören.10
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117: rund um die Uhr bei akuten Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten.11
- Notruf 112 bei starken Blutungen, Krämpfen oder anderen Notfällen in der Schwangerschaft.
Häufige Fragen
Ist Cannabis auf Rezept in der Schwangerschaft erlaubt?
Verboten ist es nicht, aber Embryotox rät, Cannabis auch therapeutisch in Schwangerschaft und Stillzeit zu meiden. Die Fachinformationen erlauben eine Anwendung nur, wenn der Nutzen das Risiko eindeutig überwiegt.
Welche Folgen kann Cannabis für das Baby haben?
Studien geben Hinweise auf ein geringeres Geburtsgewicht, häufigere intensivmedizinische Überwachung nach der Geburt und Auffälligkeiten in Aufmerksamkeit und Impulskontrolle im Schulalter. Andere Studien bestätigen das nicht, und oft wurde zugleich Tabak geraucht.
Darf ich mit Cannabis stillen?
Die Fachinformationen raten ab. Bei Nabiximols ist die Stillzeit eine Gegenanzeige, bei Nabilon soll vorher abgestillt und bei Cannabidiol das Stillen unterbrochen werden.
Ist CBD in der Schwangerschaft unbedenklich?
Das ist nicht belegt. Für Cannabidiol liegen nur sehr begrenzte Daten vor, im Tierversuch schadete es der Fortpflanzung. Die Fachinformation rät, es in der Schwangerschaft zu vermeiden.
Wo bekomme ich eine persönliche Einschätzung?
Bei Embryotox an der Charité unter 030 450525700, am besten nach Ausfüllen des Onlinefragebogens. Stillende verweist Embryotox an Kinderarzt, Gynäkologin, Hebamme, Stillberatung oder Apotheke.
Quellen
- Schmerztherapie in Schwangerschaft und Stillzeit, Embryotox, Charité Universitätsmedizin Berlin
- Über uns, Embryotox, Charité Universitätsmedizin Berlin
- Kittel-Schneider S: Psychopharmakologische Behandlung und Substanzmissbrauch in Schwangerschaft und Stillzeit, Psychiatrie + Neurologie 1/2022, Rosenfluh Publikationen
- Bastigkeit M: Cannabiswirkstoff für Schwangere?, Deutsche Hebammen Zeitschrift 5/2021, Elwin Staude Verlag
- Basisinformation Cannabis, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
- Fachinformation Nabiximols, Spray zur Anwendung in der Mundhöhle (Stand April 2026), Fachinfo-Service
- Fachinformation Nabilon Kapseln, Fachinfo-Service
- Fachinformation Cannabidiol 100 mg/ml Lösung zum Einnehmen (Stand Juli 2026), Fachinfo-Service
- Beratung, Embryotox, Charité Universitätsmedizin Berlin
- Sucht & Drogen Hotline, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
- Patientenservice 116117, Kassenärztliche Bundesvereinigung
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